Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 2.1910

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RUNDSCHÄU — SAMMLUNGEN

EINE NEUERWORBENE HOLZ-
SKULPTUR VON J. BÄCKOFEN
IM HISTORISCHEN MUSEUM
ZU FRANKFURT a. M. Das ftädti fche
hiftorifche Mufeum zu Frankfurt a. M. erwarb vor
kurzem eine Holzfkulptur, die, obgleich feinem
engeren Sammlungsgebiet angehörig, auch für
weitere Kreife von Intereffe fein wird. Die bei-
gegebene Abbildung macht eine eingehende Be-
fchreibung überflüffig; es fei nur folgendes hinzu-
gefügt. Die Figur, 1,75m hoch,ift aus einemStück
Lindenholz; die Rückfeite ausgehöhlt. Der Körper
unter dem Gewand ift nicht ganz verbanden;
das rechte Bein findet in der fchmaleren Hüfte
keine rechte Fortfeßung. Bei dem Gewand fei
befonders auf den ganz eng gefältelten Rock auf-
merkfam gemacht, über die fich eine lederne
Schnur legt; an ihr ift wohl ein Gürteltäfchchen
befeftigt zu denken. Der leicht überfallende
Brüftling fchließt hoch und eng am Hals und
zeigt breite, rechteckig umliegende Bandborten.1
Hier kommen noch Refte urfprünglidier Bemalung
zum Vorfchein, während fonft nur ein bräun-
licher Gefamtton erfcheint, der hier und da einen
filberigen Glanz annimmt. Das Geficht zeigt
lebhaftere, aus fpäterer Zeit ftammende For-
mation und ift leider durch einen klaffenden
Spalt, der früher mit einem Leinwandftreifen
überklebt war, in feiner rechten Hälfte verun-
ftaltet. Am profilierten Sockel find noch Refte
wörtlicher aufgemalter Buchftaben zu erkennen.
Der mit der Hand aus einem Stück gefchnißten
Kelch ift in neuerer Zeit bronziert. Wir glauben
nicht fehlzugehen, wenn wir das Werk unter
dem Einfluß Backofens entftanden denken. Da
wir in nächfter Zeit eine eingehende Arbeit über
den Mainzer Bildhauer erwarten dürfen,2 fo fei
mit auf einiges hingewiefen.

Um vom Ällgemeinften anzufangen, [o ftimmt
dazu das entfchiedene Herausbringendes Stand-
motivs, das durch das Zeigen der beiden breiten
Schuhe noch eine befondere Betonung erfährt.
Das Umfchlagen des Mantelfaums, damit die Füße
zum Vorfchein kommen, — meift ift es allerdings
nur einer — findet fich in ähnlicher Weife bei
der Elifabet von Gatenftein in Wefel und der

1 Die Form diefes Brüftlings in der Zufammenfteiiung
mit dem eng gefältelten Rock würde gerade für die
Tracht der Frankfurter Gegend paffen. Vgl. Hattenroth,
Deutfche Volkstrachten I. Tafel 22.

- Vgl. Paul Kaußfch: Die Werkftatt und Schule des Bild-
hauers Hans Backoffen in Mainz — Halle 1909. Diff. —
Ich für mich perfönlich möchte die Schreibung Backofen
vorziehen, die unferem modernen Wort entfpricht, das ja
auch urkundlich in wenigftens einem Falle belegt ift.
Kaußfch a. a. O. S. 102.

Agnes von Sickingen in Oppenheim a. Rh.1 In
der Körperbildung ftimmen weiter dazu die
fchweren Äugendeckel, die das Äuge, wie etwa
bei der Maria in Backofens Kreuzigung am
Frankfurter Dom faft nur als halboffen erfcheinen
laßen; ähnlich auch am Grabftein des Lutern in
Oberwefel.'2 Auch die Bildung des fehr kleinen
Mundes mit der kurzen Oberlippe ift ganz iden-
tifch mit der der erwähnten Maria.

Die Hände mit den dicken, ftark gefchwollenen
Polftern darauf, aus denen fich die Finger nur
mühfam und gelenklos herausarbeiten, erinnern
befonders an die Kirchenväter der Kanzel in der
Stiftskirche zu Halle a. S. (1525/26), die wohl
mit Recht der Werkftätte Backofens zugefchrieben
werden.3 Auch bei der Geftalt des Walter von
Reißenberg in der Leonberger Pfarrkirche be-
gegnen fie uns. Befonders nahe fteht unferer
Barbara darin die Maria eines Schnißaltars im
Mainzer Dom (Norden, Grabkapelle des Bifchofs
Ketteier). Das an fich glatte, aber in Wellen
geführte Haar begegnet wieder an der Mag-
dalena der genanntenFrankfurler undderMainzer
Kreuzigungsgruppen, ebenfo die eng gefältelten
Ärmel bei der Maria der Mainzer und den Lor-
ginus der Frankfurter Gruppe. Das feine Ge-
fältel bildet ja auch fonft ein Charakteriftum der
Mainzer Plaftik.

Auf den Befaß des Brüftlings wurde bereits

* Boehls. Grabdenkmäler im Maingebiet. Leipziq 1906.
Taf. 27. 28.

- A. a. 0. Taf. 25.

3 P. Kaußfch a. a. O. S. <8.

Bei diefer Gelegenheit möchte ich nicht unterlaffen auf
ein Werk hinzuweifen, von dem ich fchon feit langer
Zeit glaube, daß es mit den Hallenfer Skulpturen in Zu-
fammenhang fteht. Idi meine das fo reizvolle bemalte
Holzrelief der Geburt Mariä im Berliner Kaifer-Friedrich-
Mufeum, für das Bode f. Zt. frageweife Augsburger Ur-
fprung annahm (deutfche Plaftik S. 186, mit Abb.). Vor
allen Dingen wegen des z. T. feinen, z. T. aber auch
tieffurchigen, reichen Faltenwerks, unter dem doch, die
Beine der liegenden Maria fich fcharf abzeichnen. Auch
das Kopfende des Bettes mit feinem Renaiffance-Ornament,
die Verkröpfung des doppelten Kapitelle mit dem ab-
fchließenden Gefirns und der krönende Mufchelauffatj —
wie bei der Hallenfer Kanzel — würden dazu ftimmen.

Übrigens wäre noch zu unterfuchen, ob nicht doch auch
bei den Hallenfer Plaftiken Augsburger Einfluß irgendwie
mit hineinfpielt. So erinnerte mich der unten an der
Kanzel angebradite in eine Velute endigende Krieger an
eine der Holzbüften Ad. Dauhers im Berliner Mufeum
(Wiegand: Ad. Dauher. Straßburg 1903. Taf. X. a). Die
hier begegnende Behandlung der Bruft, die in Tiermäuler
endigenden kurzen Ärmel, die phantaftifche Kopfbedeckung
treffen wir dann auch weiter nicht nur bei den Dürerfchen,
fondern auch bei den Burgkmairfchen Entwürfen für die
Marmorreliefs in der Fuggerkapelle zu St. Anna in Augs-
burg; übrigens auch gleich auf dem erften Blatt der Habs-
burgifchen Genealogie (Hektor). Der eine der Burgk-
mairfchen Wappenhalter öffnet fogar ähnlich wie der
Krieger in Halle leicht pathetifch der Mund (Wiegand a,
a. O. Taf. III. u. f.

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