Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 2.1910

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WERKE VON GIOVÄNNI PÄOLO PÄN-
NINI IN DER SCHLEISSHEIfflER GÄLERIE

Mit 3 Abbildungen (1 im Text und 2 auf 1 Tafel) Von LEÄNDRO OZZOLA

Die Galerie zu Schleißheim befiljt unter ihrem reichen Schal} italienifcher Gemälde u. a.

vier dem Pannini zugeteilte Bilder. Zwei davon (Nr. 658 und 659) wurden von
Ä. Schlicht (1778) in Äquatintamanier geftochen, als fie (ich noch in der Mannheimer Ga-
lerie befanden.1 Nr. 658 gibt eine Vedute römifcher Monumente mit einer Diogenesge-
fchichte; links korinthifche Pilafterarchitektur, weiter vorn die Ceftiuspyramide, in der Mitte
eine Äpolloftatue und rechts ein jonifcher Portikus. Staffage: Diogenes auf den Knaben
weifend, der mit der hohlen Hand Waffer fchöpft. Nr. 659 gibt eine andere Diogenes-
gefchichte in ähnlicher Vedute: in einem jonifchen Bogenportikus fteht Diogenes vor
feinem Faffe mit der Laterne in der Hand. Links ein ftehender Krieger, drei Spende und
die Statue des farnefifchen Herakles.

Obgleich die beiden Stiche erft zehn Jahre nach ,Panninis Tode entftanden find, find
die Originale nicht von feiner Hand. Die fchwerfällige Kompofition, die unterfet}ten Pro-
portionen der Architekturen, die trübe, monotone Farbe, vor allem aber die bäuerifchen
Staffagefiguren (im Gegenfat} zu der Übereleganz derer des Meifters) weifen mit Sicher-
heit auf irgend einen fchwachen Ruinenmaler — die Ähnlichkeit mit Pannini liegt lediglich
im Gegenftande.

Dagegen weifen die beiden anderen Gemälde alle Züge des Künftlers auf. Nr.656(Äbb. 1)
ftellt die Heilung des Gichtbrüchigen am Teiche Bethesba dar (von Jofeph Kaltner elegant
geftochen).2 Die Szene fpielt in einer der phantaftifcheften Architekturen, die Pannini je ge-
fchaffen hat. Hinten eine antike dorifche Säulenhalle, vorn zwei weite Arkaden, die mit
ihrer Bogenlinie die Raumwirkung feftigen, ohne die Luftigkeit zu beeintächtigen. Weiter
rechts Säulen, Treppen, Bäume. Die Figuren find, einzeln genommen, nicht eben be-
deutend, aber vortrefflich in der Gefamtwirkung; die Eleganz ihrer Gruppierung wie die
Bedeutung der dargeftellten Szene vertiefen die eigenartige Poefie der umgebenden Ruinen.
Auch in Nr. 657 (Abb. 2) ift eine Architekturvedute gegeben; als Staffage finden wir die Ver-
treibung der Händler aus dem Tempel. Rechts ein reicher jonifcher Pronaos; links im Mittel-
grund eine umfängliche Treppenanlage, eine doppelte Arkadenreihe, der Mittelnfalit eines
Gebäudes und Bäume. Die Kompofition ift hier weniger glücklich, immerhin verrät wenig-
ftens die Treppenanlage im Mittelgrund Panninis eigentümlich fchöpferifche Phantafie.
Die Gruppenverteilung ift wieder gefchickt; die einzelnen Geftalten find elegant und voller
Grazie. Die gleiche Szene findet fich von Pannini in einem berühmteren Gemälde des
Mufeums von Piacenza behandelt, wo er feine ganze perfpektivifche Erfindung und feine
ganze Gewandtheit als Figurenzeichner aufgeboten hat. Ebenfo hat derMeifter die Heilung
des Gichtbrüchigen in einem andern Gemälde gefchildert, das in der Auktion Greve
(12. Oktober 1909) bei Rud. Lepke verfteigert worden ift (Abb. 3). Auch hier beweift
fchon der Typ und die Gewandbehandlung der Figürchen, daß wir es mit einer eigen-

1 Vgl. die Infdirift auf den beiden Stichen: „Das Original von Panini ift in der kurfürftlichen
Bilder-Gallerie zu Mannheim. Herausgegeben 1788 von H. Schlicht“. Ein Exemplar diefer beiden
köftlichen Blätter in der Wiener Albertina und in der Kupferftidifammlung ebenda. Einige leichte
Äbweidiungen der Stiche von den Bildern erklären fich durch die Ungenauigkeit des Stechers und
feinem Wunfdi nach Vereinfachung.

2 Ein Exemplar in der Graphifchen Sammlung zu München, bezeichnet: Grave par Josephe Kaltner
d’apres le tableau de I. P. Panini de la Galerie de Schleissheim.

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