Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 2.1910

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AUSSTELLUNGEN

weift, daß in den leßten Jahren viele bedeut-
fame Denkmäler öfterreichifcher Kunft über die
Landesgrenzen gewandert find, zumal mit der
wiffenfchaftlichen Erforfchung diefes Gebietes
auch eine fteigende Wertung öfterreichifcher
Werke auf dem Kunftmarkt eingefeßt hat.

ÄUS STELLUNG EN

BERLINER AUSSTELLUNGEN ln der

KONIGL. AKADEMIE DER KÜNSTE ift foeben
eine Doppel-Gedächtnisausftellung für Franz
Skarbina, den Maler und Zeichner undfürjofeph
Olbrich, den Architekten und Kunftgewerbler
eröffnet worden, für zwei Perfönlichkeiten, die
gar wenig zu einander ftimmen. Von Skar-
bina fieht man viele Bilder und Skizzen, die
drei große Säle und mehrere Kabinette füllen.
Aber vergebens fucbt man vor ihnen den Kern-
punkt von Skarbinas künftlerifchem Bekenntnis
zu faffen: frifche, faft pariferifch keck gefehene
und mit feinem Humor hingefeßte Szenen aus
der Parifer Zeit des Künftlers, Volksgruppen und
Straßenbilder aus den Niederlanden, mit gutem
Verftändnis für die filbergraue Atmosphäre die
über der belgifch-holländifchen Landfchaft liegt,
dann ein Bild, bei dem Liebermanns Kunft die
Hand Skarbinas gelenkt zu haben fcheint und
daneben tauchen Menzelfche Geftalten, Men-
zelfche Anfichten friederizianifcher Denkmale
Potsdams auf und eine Handfchrift, die von der
Wucht und Geftaltung Menzelfcher Schriftzüge
gelernt hat, feßt Erklärungen und Farbangaben
daneben. Kaum eine der großen malerifchen
Erfcheinungen der leßten Dezennien ift ohne
Eindruck auf Skarbinas Schaffen vorübergegan-
gen, das macht feine Perfönlichkeit fo wenig
fcharf umriffen, fchreckt fo ab vom Genuß diefer
oder jener gelungenen Arbeit, deren Phyfiogno-
mie Feftigkeit und Charakter nur vortäufcht, weil
fie nicht wiederkehrt und anderen Gefichtern
Plaß macht.

Von Skarbina kommt man zu Olbrich, der
nun doppelt klar und fcharf geprägt dafteht in
feinen zahlreichen architektonifchen und kunft-
gewerblichen Entwürfen, köftlichen Gläfern, Sil-
berarbeiten und Stickereien, die an phantaftifcher
Schönheit das einzige find, was wir orientalifchen
Geweben gegenüberftellen können. In unzäh-
ligen Skizzen und Photographien zieht noch
einmal das Werk an uns vorüber, das Olbrich
in einem kurzen aber überreichen Leben ver-
wirklicht hat, gefchaffen mit einer erftaunlichen
Einheitlichkeit, dem feften, unbeugfamen Wollen
einer bis ins leßte zielbewußten Perfönlichkeit.
Alles was im Entwicklungskampf neudeutfcher

Architektur und neudeutfchen Kunftgewerbes auch
an Olbrichs Perfönlichkeit gelegentlich ungeklärt
erfchien und die Wut der Philifter entfeffelte:
hier fügt es fich als notwendiges Glied in die
Kette eines fich folgerichtig entwickelnden
Künftlergeiftes und läßt uns immer wieder aufs
neue den Verluft fühlen, den wir erlitten haben.

Mit der erften Äkademieausftellung diefes
Winters erfcheinen 'gleichzeitig faft alle Kunft-
falons auf dem Plan. GURLITT ehrt den 60.
Geburtstag Toni Stadlers durch eine kleine Aus-
wahl fchöner Landfchaften, Bilder vom Chiem-
fee und vom Ämmerfee, jene fo groß gefehenen
wundervoll leuchtenden Blicke über die ober-
bayrifche Ebene, mit dem Kranz der fchneebe-
deckten Berge in weiter, weiter Ferne. Es ift
keine große Jubiläumsausfteliung, die den Mün-
chener Meifter feiern foll, nur einige, wenige
Arbeiten feiner Hand und dadurch fo recht an-
gepaßt der ftillen befcheidenen Art, die den
vornehmen Künftler auszeichnet und ihm auch
bei uns im Norden einen treuen Kreis herzlicher
Verehrer gefchaffen hat. Werke anderer Meifter,
die zu den beften Deutfchlands zählen, geben
den feftlichen Rahmen für Stadlers Kunft. Von
Böcklin drei Bilder, darunter die herrliche
„Melancholie“, farbenflammende Paftelle älterer
Zeit von L. v. Hofmann, fchöne, frühe Trübner,
Segantini- und Leibizeichnungen fchließen den
Reigen. Uhdes große Kompofition „Im Atelier“
mit den geflügelten Engelmodellen, ein paar
nicht fehr intereffante Sachen von Otmar Briofchi
in Rom, etwas zäh gemalte, aber erfreuliche
Landfchaften Arthur Grimms in Hollerbach fowie
hübfche Blumenftückc von Ludwig Stuß in Berlin.
CASSIRER bringt Norwegifche Künftler, meift
Namen, die bei uns nicht fonderlich bekannt
find. Sie find deshalb nicht weniger willkommen.
Ihnen allen eigentümlich ift ein merkwürdiges
Ringen mit der Farbe — bafierend auf entfchiede-
nem nordifchen Farbenfinn und einer lachenden
franzöfifch beeinflußten Farbenfreude, fuchen fie
auf verfchiedenerlei Weife die farbige Erfcheinung
zu dämpfen und unter einen mildernden,abfchwä-
chenden Gefamtton zu legen. Da ift Bernhard
Folkeftad mit allerlei Hühnerbildern und einem fa-
mofen „Kohlftilleben“, Sören Onfager mit feinen
Garten- und Straßenfzenen undMädchengeftalten,
die in ein zartes nebliges Grau getaucht find,
Henrik Lund mit fympathifchen, liebenswürdigen
Porträts. Merkwürdig ift A. C. Svarftad der eine,
geradezu kindliche Farbenluft entwickelt und
unbekümmert um die Wahrheit den Markt zu
Brügge oder eine Straße in Neapel mit blauen,
roten und grünen Figürchen, Blumenbalkons und
Straßenplakaten ausftattet. SCHULTE hat eine
kleine, etwas einfeitig wirkende Thomaausstel-

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