Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 2.1910

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RUNDSCHÄU — SAMMLUNGEN

NEUERWERBUNGEN DES KÄISER
FRIEDRICH-MUSEUMS ZU BERLIN

ImVorfaal des großen Rubens-Raumes fand fo-
eben die Floragabe, von der wir in lefeter
Nummer berichteten, Äufftellung. Zufammen mit
den aus Änlaß des Floraftreites gegifteten Ge-
mälden und Plaftiken wurden ferner einige
andere neuere Erwerbungen und Schenkungen
vereinigt, von denen hier die hauptfächlichften
kurz gewürdigt fein follen.

Herr van Dam fchenkte dem Mufeum fchon
vor längerer Zeit zwei altkölnifche Tafeln mit
der Grablegung und Äuferftehung Chrifti,
die bislang nicht wiffenfchaftlich beftimmt wor-
den find. Denn die Ängabe „kölnifcher Meifter
um 1420“ kann m. E. näher präzifiert werden
auf den fog. älteren Meifter der Sippe; die
beiden auf Eichenholz gemalten Tafeln gehören,
wie fchon die Maße (0,74x0,44 m) zeigen, zu
drei Bildern aus der Leidensgefchichte imWall-
raf-Richar^-Mufeum zu Köln, mit denen fie auch
in den übrigen Eigentümlichkeiten fo genau über-
eingehen, daß die Zugehörigkeit zu einer Serie
nicht zweifelhaft bleiben kann. Die Kölner Ta-
feln ftelten dar: Chriftus vor Pilatus, Chriftus
am Ölberg, Kreuzabnahme; hieran fchließen fich
bibelchronologifch die beiden Berliner Darftel-
lungen an; den Äbfchluß bildet ein ebenfalls in
Köln aufbewahrtes Bild des Weltgerichts. Auf-
fallend an den Darftellungen ift durchweg die
Pracht der hellen, blumigen Farben, die langen,
hageren Geftalten und eine gewiffe, für Köln
bemerkenswerte Neigung zu figurenreidhe Szenen
dramatifchen Charakters (freilich ohne die Fähig-
keit wirklicher Geftaltung).

Bereits in den „Amtlichen Berichten“ gewür-
digt wurde ein kleines, perfpektivifch und kolo-
riftifch hödift reizvolles Bild des Stefano di
Giovanni gen. Saffetta mit der Meffe des hl.
Franz. Die Beftimmung des Gemäldes geht auf
R. Langton Douglas zurück, den bekannten
Kenner fienefifcher Kunft.

Erworben wurden ferner ein fchmales, wunder-
voll durchgeführtes Bildchen mit zwei weib-
lichen Heiligen von Roger van der Weyden,
ein höchft pikantes, geiftreich aufgefaßtes und
gemaltes biblifches Genrebild (hl. Familie?) des
Äert de Gelder und eine im Motiv wie in
der Auffaffung an Vermeer erinnernde „Geld-
wägerin“ von Pieter de Hooch. General-
direktor Bode fchenkte endlich das Hauptftück
der ganzen Ausstellung, ein Gemälde aus Rem-
brandts reiffter Zeit, „Tobias und der Engel“
(um 1651). Auf einer Berliner Auktion als Go-
vaertFlinck um wenige taufend Mark erworben,
wurde die ungemein ftimmungsvolle, frieden-

atmende Szene durch Konfrontation mit einer
fieberen Rembrandtzeichnung gleichen Gegen-
ftandes als eigenhänge Arbeit des Meifters er-
kannt. Die Vorftudie enthält bereits alle wich-
tigen Elemente des Bildes in breiten Strichen
angedeutet; das ausgeführte Bild verrät aber
gerade in den Veränderungen, die durchweg
Verbefferungen darftellen, die Klaue des Löwen.
Eine vorfichtige Reinigung durch Prof. Haufer
gab dem vorzüglich erhaltenen Bilde die alte
fatte Glut Rembrandtfcher Farbe zurück.

Die eigentlichen „Florakinder“ find die folgen-
den Stücke: ein großes Altarbild mit Gottvater
und Chriftus auf dem Throne und der Heim-
fuchung (Schenker: Kleinberger-Paris). Die Zu-
gehörigkeit diefer ftarken Schöpfung, vor der
der Name Konrat Witj fchon genannt worden
ift, erfcheint noch ganz unficher. Die Beftimmung
fchwankt fogar zwifchen der deutfchen und der
burgundifch-franzöfifchen Schule.

In mancher Beziehung verwandt erfcheinen
zwei Flügel mit der „Heimfuchung“ und „Be-
fchneidung Chrifti“ (Schenker: Julius Böhler-
Mü'nchen), die wohl einem oberfchwäbifchen
Meifter um 1440 zuzufchreiben find und zu einem
in der „Staryje Gody“ publizierten verwandten
Altarflügel in Petersburger Privatbefilj gehören
(Abb. Monatsh. f. Kunftw. II, S. 192).

Die altdeutfche Abteilung des Mufeums be-
reichern und erweitern noch eine „Kreuzigung“
in der Art des Meifters Wilhelm (Schenker:
Sedelmeyer-Paris), eine zweiteilige Predella vom
Pallandtaltar(Schenker: DuveenBros-London)
und zwei fchwäbifche Altarflügel von ca.
1470 mit je zwei Heiligen (Schenker: Arthur
Sully-London).

Die italienifche Kunft ift diesmal nur durch
eine paduanifche Pieta von herber, mantegna-
artiger Eigenwilligkeit des Empfindens vertreten.
(Schenker: ungenannter amerikanifcher Kunft-
händler.) Am reichften ift die Ernte bei den
Niederländern. Der Frühzeit gehört eine „An-
betung der Könige“ vom Meifter der Virgo
inter Virgines an (Schenker: Jacques Selig-
mann), ein köftliches Juwel leuchtender Farben-
pracht von unvergleichlich fchöner Erhaltung
(von Friedländer im lebten Heft des Jahrbuchs
der kgl. pr. Kunftfammlungen publiziert).

Die Zeit der Reife ift vertreten in einer fehr
eigenartigen Landfchaft mit Räubern von D. Te-
niers d. J. (Schenker: Eugene FiTchhof-Paris),
die den Künftler in ungewohnter, geiftreichfter
Frifche zeigt, in einer wirkungsvollen, breit
komponierten „Meeresftille“ von Willem von
de Velde (Schenker: Thos. Agnew-London),
die für das Mufeum eine befonders wünfchens-

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