Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 2.1910

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PERSONALIEN o SPRECHSÄÄL

Höcker nicht gegönnt, zu einer eigenen Reife
zu gelangen. Zunehmende Kränklichkeit mag
feinem Schaffen früh Eintrag getan haben. Den-
noch hat er viel hinterlaffen. Auf der Münchener
Internationalen von 1897 erregte unter vier aus-
geftellten Bildern ein Clown, der vor japanifchem
Wandfchirm eine Pfauenfeder auf der Nafe ba-
lanciert, Äuffehen — heute fcheint er wie der
ernfthaftere Pathe fo manches Reznigekfchen
Karnevalsftückes. Höcker verfuchte fich an vi-
fionären Bildern („Die Wundmale“ 1893), malte
Madonnen und faubere holländifche Bäuerinnen
(„Ein Wunfch“ 1903), italienifche und fchlefifche
Landfchaften, Gefechtsfchießen auf einem Panzer-
fchiff u. a. m. Seit etwa acht Jahren lebte der
Künftler in einem kleinen Haufe in feinem Ge-
burtsort Oberlangenau, nahe bei Breslau. Wohl
das leßte Bild, das er nach feinem geliebten
München fandte, war ein Interieur aus diefer
Werkftatt. Das Motto, das er diefem Bilde zum
Geleit mitgab, zeugt für Höckers Lebenserfahrung
und ihre Bitternis. Es waren die Eichendorff-
fchen Verfe: „Da draußen, ftets betrogen, fauft
die gefchäftige Welt.“ U.-B.

SCHWEIZ Eidgen. Kunftkommiffion. Da
nach Reglementsbeftimmung auf Ende des Jahres
1909 derVizepräfident Architekt Paul Bouvier
aus Neuenburg und die Mitglieder Emil Bon-
jour, Vorfteher des Kunftmufeums in Laufanne,
und Maler J. C. Kaufmann in Luzern aus der
eidgenöffifchen Kunftkommiffion austraten, hat
der Bundesrat als neue Mitglieder die Herren
Maler William Röthlisberger in Neuenburg,
Bildhauer Raphael Lugeon in Laufanne und
Theodor Volmar, Profeffor an der Kunftfchule
in Bern, auf eine Ämtsdauer von drei Jahren
gewählt. Die übrigen Mitglieder diefer höchften
fchweizerifchen Kunftbehörde find Maler Burk-
hard-Mangold in Bafel, Architekt Äuguft Guidini
in Mailand, Dr. Ulrich Diem, Direktor des Kunft-
mufeums in St. Gallen, Bildhauer Paul Amlehn
in Surfee, Maler Jofeph Reichlen in Freiburg,
Maler Charles Giron in Morges und Architekt
Paul Ulrich in Zürich. C. H. B.

SPRECHSÄÄL

EINE RUNDFRAGE • EX UNGUE
LEONEM Ein Freund unferer Zeitfchrift
fchreibt uns: „Ich weiß, Sie finnen immerfort auf
Mittel und Wege, um den Bedürfniffen unferer
rafch vordringenden Wiffenschaft entgegenzu-
kommen. Heute möchte ich Sie auf eine neue
Möglichkeit aufmerkfam machen, reinwiffenfchaft-
liche Fragen in Fluß zu bringen und, foweit der

Gegenftand es zuläßt, zu erledigen. Ich meine
die fchon anderwärts fo beliebte Form der Rund-
frage. Eine erfte Gelegenheit dazu böte viel-
leicht der Fall, den ich Ihnen im folgenden vor-
tragen möchte.

Vor Jahren kam mir ein altes mit Holz-
fchnitten gefchmücktes Buch religiöfen Inhalts
in die Hände. Wie fich hat feftftellen laffen,
ift es in einer mittelrheinifchen Offizin gedruckt,
vermutlich um das Jahr 1482, auf jeden Fall
aber zwifchen 1477 und 1488. Es fcheint jeßt
zu den größten Seltenheiten zu gehören: nur
noch fieben Exemplare follen vorhanden fein,
die fich auf Deutfchland, Öfterreich, Frankreich
und die Schweiz verteilen. Es wird alfo nur
wenige Gelehrte geben, die in unferen Tagen
das Buch einmal, vielleicht durch Zufall, zu Ge-
ficht bekommen haben. Schade, daß es aus
diefem Grunde vorläufig nicht die geringfte
Äusficht hat, fo allgemein bekannt zu werden,
wie es wohl verdiente. Denn es ift in feiner
Art ein bedeutendes Buch. Die Holzfchnitte, die
es enthält, einige hundert an der Zahl, meift
Illuftrationen zur Bibel, unterfcheiden fich durch
ihre Urfprünglichkeit, durch die Lebendigkeit der
Zeichnung und durch die zum größten Teile
treffliche technifche Ausführung aufs vorteilhaf-
tere von den übrigen Erzeugniffen des deut-
fchen Holzfchnitts diefer Zeit. Mir fielen be-
fonders die ungemein charakteriftifchen Formen
der Füße und die mannigfaltigen Beinftellungen
auf, und ich nahm mir die Mühe, eine Anzahl
der auffälligften durchzuzeichnen. Diefe Paufen,
die nun fchon jahrelang in meiner Mappe ruhen,
ftelle ich Ihnen hiermit für Ihre Zeitfchrift zur
Verfügung. Sie erinnern fich bei ihrem Anblick
vielleicht der lehrreichen Zufammenftellung von
Händen und Ohren, die Morelli im 1. Bande
feiner kunftkritifdien Studien über italienifche
Malerei veröffentlicht hat, um zu beweifen, wie
man jeden Meifter an den Händen und Ohren
feiner Geftalten erkennen könne als an Dingen,
die er rein gewohnheitsmäßig in diefer befon-
deren Form zu zeichnen pflegt. Dasfelbe gilt
nun ohne Frage auch von den Füßen, es wird
nur weniger darauf geachtet. Man vergleiche
nur einmal einen Dürerfchen Fuß mit einem von
Schongauer, man wird fie nicht leicht mitein-
ander verwechfeln können. Ein Blick auf die
vielen Füße, die Sie hier vor pch fehen, fagt
Ihnen, daß wir es auch hier mit einer Eigenheit,
einer Angewohnheit des unbekannten Zeichners
zu tun haben. Bei aller Mannigfaltigkeit der
Fußbekleidungen tritt doch immer diefelbe Grund-
form zutage. Das Äuffälligfte daran ift die
ftarke Einwölbung an der inneren Seite unterm
Spann, wodurch der Mittelfuß ungewöhnlich

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