Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 2.1910

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INSTITUTE UND VEREINE » PERSONALIEN

Die Zufammenftellung läßt trog ihrer Unvoll-
ftändigkeit erfehen, wie groß die Leiftungsfähig-
keit der Kunftvereine ift. Insgefamt umfalJen
die 35 Vereine, von denen nur 7—8 große Ver-
eine find, eine Mitgliedfchaft von 50000 Perfonen.
Der größte Kunftverein ift in Hannover mit 10,684
Mitgliedern, ihm folgt an Mitgliederzahl Mün-
chen mit 5186 Mitgliedern. Eigene Sammlungen
haben 8 Vereine, 14 veranftalten Vorträge und
Führungen; permanente Ausheilungen haben 24,
periodifche 10 Vereine. Von 27 Vereinen wird
Provifion bis zu 10°/0 erhoben, 4 erheben keine
Provifion. Nur 4 Vereine find nicht gegen Feuer
verfichert; 2 haben noch Einbruch-, 3 eine Haft-
pflichtverficherung. An Frachten haben die 35
Vereine 50000 M. pro Jahr bezahlt. Die Koften
für den reinen Äusftellungsbetrieb belaufen fich
auf insgefamt 62800 M. 30 Vereine verlofen
Kunftwerke, 2 geben Anrechtsfeheine aus. Keine
Vereinsgabe geben 15 Vereine, eine jährliche Ver-
einsgabe 11, alle 2 Jahre oder in noch größeren
Äbftänden 9 Vereine. 8 Vereine haben ein
eigenes Heim, 25 find in Miete. 18 Vereine er-
halten Zufchüffe. ln den lebten 10 Jahren haben
die 35 Vereine an dritte Perfonen Verkäufe im
Werte von rund 5,4 Mill. M. vermittelt, für ihre
eigenen Zwecke (Verlofungen, Galerien) haben
|7e für 3 Mill. M. Bilder erworben; für Vereins-
gaben wurden 840000 M. aufgewendet. Der
Aufwand für Äusftellungsbetrieb hat 2,7 Mill. M.
betragen. Die Totalauslage der 35 Kunftvereine
beziffert fich demnach auf 12 Mill. M., alfo
mehr als 1 Mill. M. pro Jahr. Die deutfehen
Bundesftaaten wenden dagegen für Kunftwerke
auf: Preußen 390000 M., Bayern an 200000 M.,
Sachfen 150000 M., Baden 15000 M., Württem-
berg 35000M., alfo zufamen nicht einmal 1 Mill.M.
im Jahr.

Die ftatiftifchen Zahlen gaben zu manch inter-
effanten Rückfchlüffen Anlaß und wurden lebhaft
befprochen. Es wurden darauf die Kunftvereine
Königsberg i. Pr., Graz, Kiel, München-Gladbach,
Fürth i. B., Freiberg i. Br. und Hof in den Ver-
band aufgenommen. Von der Anmeldung einer
Anzahl anderer Kunftvereine wurde Kenntnis
genommen. Die Organifation der Wanderaus-
ftellungen des Verbandes war die legte wichtige
Beratungsmaterie. Es wurde allgemein ausge-
fprochen, fchon im Herbft ds. Js. mit mehreren
Wanderausftellungen zu beginnen; die Äus-
ftellungszeit eines Vereins foll hödiftens 3
Wochen betragen. Das deutfehe Element
foll befonders berückfichtigt werden. Ins
Äuge gefaßt find Kollektionen bedeutender
Künftler einzelner Städte, wie von München,
Karlsruhe, Düffeldorf ufw., dann Kollektionen
einzelner Künftler, vor allem lebender, ferner

eine Sammlung von Werken deutfeher Por-
trätiften, von Landfchaftsmalern, Phantafiemalern,
auch von Künftlerkorporationen. Ais Ort der
nächftjährigen Tagung wurde Hannover be-
ftimmt.

PERSONALIEN

HENRI EDMOND CROSS + Der fran-
zöfifche Maler Henri Edmond Delacroix,
dem Bouvin fchon in jungen Jahren aus be-
greiflichen Gründen riet, fich ein Pfeudonym zu
wählen, ift am 19. Mai in Saint-Clair am Krebs
geftorben. Cross wurde im Jahre 1856 in Douai
geboren, ftudierte an der fchönwiffenfchaftlichen
Fakultät in Lille und gleichzeitig an der dortigen
Akademie der fchönen Künfte. Mit 23 Jahren
kam er nach Paris; 1881 trat er zum erften Male
im Salon auf. Sein erftes Bild: „Küchenwinkel“
und das zweite „Alte Dinge“ (Salon 1883) ließen
de Entwicklung noch nicht ahnen, die Cross fpäter
nahm. Er felbft war mit diefen Arbeiten nicht zu-
frieden und verwarf fie ganz, als er Monet kennen
lernte. Einen für fein Schaffen entfeheidenden
Eindruck empfing er von Seurat. Seine Ver-
ehrung für diefen jungen Meifter erweckte feine
Freundfchaft zu Signac, die im Laufe des Lebens
immer herzlicher wurde. Cross war einer der
Mitbegründer des Salons der Independants und
hat dort in keinem Frühjahr gefehlt. Durand-
Ruel hat einige Male eine Sammlung feiner
Werke gezeigt. In den legten acht Jahren trat
Cross bei Bernheims auf. Das Publikum ver-
hielt fich feinen Bildern gegenüber zurückhaltend;
die Kritik ftellte ihn immer in zweite Linie.
Wenn wir auch mit Hochachtung auf das Lebens-
werk diefes ernften und ringenden Künftlers zu-
rückblicken, der mit feltener Glut den höchften
Zielen derKunft zuftrebte, fo haben wir keinen
Grund, die Einfchägung, die er erfuhr, zu be-
richtigen. Cross hatte fich in wiffenfchaftlichen
Theorien gefangen, die feiner Intuition zur Hem-
mung wurden. Oftmals hat er fchöne Idylle
gefchaffen. Häufiger aber verbanden fich die
Farbenteilchen feiner Bilder nicht zum Ganzen;
und das Gemälde blieb Stückwerk. Das Voll-
endetfte fdiuf er in Aquarellen. O. G.

WIEN Als Nachfolger des jüngft verfchiedenen
Freiherrn von Helfert wurde Prinz Franz von
und zu Liechten ftein zum Präfidenten der Zen-
tralkommiffion für Kunft- und hiftorifche Denk-
male ernannt; gleichzeitig erfolgte die Ernen-
nung zweier Vizepräfidenten: Dr. Karl Grafen
Lanckoronski-Brzezie und Vinzenz Grafen Baillet
von Latour.

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