Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 2.1910

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DIE FRANZÖSISCHE KUNSTAUSSTEL-
LUNG DER BERLINER AKADEMIE

Von RICHARD GRAUL

Die Äusftellung von Werken franzö[ifcher Kunft des 18. Jahrhunderts in der
Königlichen Akademie der Bildenden Kräfte in Berlin umfaßt eine gefchmackvolle,
aber zufällige Auswahl von Bildern, Zeichnungen, Skulpturen und Werken dekorativer
Kunft wie Tapifferien und einige Möbel. Hätten auch manche Meifter, felbft mit dem in
Deutfchland vorhandenen Beftande an franzöfifchen Kunftwerken des 18. Jahrhunderts,
noch eindrucksvoller vorgeführt werden können — auch Watteau—, fo entfaltet diezweite
Retrofpektive der Akademie doch ein verlockendes Bild von der hohen und durchaus
felbftändigen Gefchmackskultur Frankreichs
im 18. Jahrhundert.

Die britifche Äusftellung, mit der die
Berliner Akademie in ihrem neuen Heim
am Parifer Platj 1908 debütiert hatte, konnte
im erften Moment wohl einen ftattlicheren
Eindruck als die franzöfifche machen: für
den Freund einer höfifchen Kunft voller
Bravour und Eleganz, für den Schäfer
geiftreichen Gefckmacks, koketter Galan-
terie und blendender Virtuofität der Technik
bietet die franzöfifche Äusftellung erlefene
Genüffe. Den Meiftern englifcher Bildnis-
kunft von Sir Jofhua Reynolds und Gains-
borough bis auf Hoppner und Sir Thomas
Lawrence, die mit einer imponierenden
Schar großer Porträts der vornehmen eng-
lifchen Gefellfchaft aufgetreten waren —
lauter Bilder frifcher und fchöner wohl-
erzogener Menfchen —vermögen die Fran-
zofen nicht eine gleich feffelnde Äuslefe
von Bildniffen entgegenzuhalten. Um fo
reicher find ihre Werke an exquifiten Ge-
fchmacks-Fineffen, um fo reifer auch (bei
allem Manierismus im allgemeinen) ihre
malerifche Qualität, und um fo intereffanter hier und da das Bemühen um fortfchrittliche
oder neuartige künftlerifche Verfuche, in denen der Freund moderner Kunft gewiffe
Ahnungen gegenwärtiger Malprobleme wittern möchte.

Gewiß durfte Diderot die franzöfifche Kunft feiner Zeit decadent fchelten und ihre Un-
natur mit dem beißenden Spott eines demokratifch empfindenden Gefchmacks-Revolu-
tionärs verfolgen. Wir fühlen es ihm deutlich nach: es ift eine Kunft von im wefentlichen
dekorativer Gefchmacksverfeinerung, deren Reiz mehr in der Virtuofität und mithin mehr
an der Oberfläche liegt denn in der charakteriftifchen Vertiefung einer Kunftaufgabe fei
es Porträt oder Hiftorie. Die meiften, und gerade die in ihrer Zeit gefchätjteften Maler,
find künftlerifch an ihrer Virtuofität, an der gefchäftsmäßig betriebenen Routine zugrunde
gegangen. Wie der englifchen Malerei des 18. Jahrhunderts fehlt auch der franzöfifchen
derfelben Zeit eine elementare Kraft, die, aller Feffel ledig, das eigene Genie zum Gefetj

Der Cicerone, II. Jahrg., Ii. Heft. 9

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