Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 2.1910

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DIE FRANZÖSISCHE KUNSTAUSSTELLUNG DER BERLINER AKADEMIE

macht. Watteau, ohne Zweifel der feinfte franzöfifche Maler des 18. Jahrhunderts, teilt
mit dem originellften Maler derfelben Zeit in England, mit Gainsborough, das Schickfal
allzu empfindlicher, überfenfitiver Dichternaturen. Beide haben beffer als irgend einer ihrer
Rivalen das Ideal, den Glückfeligkeitstraum ihrer Zeit oder der privilegierten Gefellfchaft
ausgefprochen — aber die durchaus perfönliche Kunft diefer fchwärmerifchen Naturen
hatte doch nicht die Kraft und Wirkung einer zur Nachfolge zwingenden Tat, etwa wie
die Kunft des Rubens und des van Dyck.

Fehlt der franzöfifchen Malerei des 18. Jahrhunderts das Genie großen Stils, fo ift fie
überreich an vielfeitigen Virtuofen, an raffinierten Gefchmackskünftlern und vor allem an
geiftreichen Schilderern liebenswürdiger Weiblichkeit. Allein neben dem gepriefenen Zauber
diefer Salon- und Boudoirmalerei, um deren Befit$ die Amateure beider Welten Unfummen
zahlen, bietet diefe im wefentlichen fo höfifch-konventionelle Kunft des ancien regime doch
auch das Schaufpiel eines lebendigen Kampfes um neue Ausdrucksformen, um die Löfung
intereffanter malerifcher Probleme. Die Schöpfungen eines Watteau, die koloriftifche
Bravour eines Fragonard, die malerifche Sachlichkeit Chardins, der gefchmackvolle Realis-
mus fo mancher Bildnismaler und Siltenfchilderer unter dem XV. und XVI. Ludwig bieten
ein mehr als bloß retrofpektives Intereffe.

Wie ftark die Stellung der klaffifch-akademifchen Malerei durch Lebrun befeftigt worden
war, nach dem Tode des Premier Peintre du Roi (1690) wurde feine Autorität nur fchein-
bar aufrecht erhalten. Man pries ihn noch als eine Art Halbgott, als die Kunft längft
feine Tradition verlaßen hatte. Mag auch die künftlerifche Qualität der Malerei, wie fie
zu Anfang des 18. Jahrhunderts erfcheint, geringer fein als die der Blütezeit des Grand
siede — die Künftler, die fich um Antoine Coypel fcharen und Watteau den Weg ebenen,
haben doch das Joch des italienifierenden Klaffizismus bald abgeworfen und dem natio-
nalen Temperament im Anfchluß an gewiffe vlämifche Traditionen die Möglichkeit freierer
Entfaltung gegeben.

Auf der Ausftellung vertreten die abfterbende Kunft des Grand siede: der Nachfolger
Lebruns an der Akademie Pierre Mignard, dann Hyacinthe Rigaud und Nicolas de Largilliere.
Von Mignard ift ein pompöfes Repräfentationsbild Ludwigs XIV. zu fehen, aber man
wird dem Meifter gerechter, wenn man ihn nach dem fympathifchen Bildnis der Mancini
im Kaifer Friedrich-Mufeum beurteilt. Den Stil höfifcher Grandezza verdeutlicht auf der
Berliner Ausftellung am beften Rigaud. Er war der Fürftenmaler par excellence. Ein
Schüler Lebruns, war er doch der italienifch-klaffifchen Disziplin nicht fo verfallen, daß er
nicht von einem van Dyck oder einem Rembrandt — von denen er Bilder befaß — gute
Lehren angenommen hätte. Er legte noch viel Wert in feinen Porträts auf das Nebenbei
prunkvoller Kleidung, raufchend bewegter Stoffe. Aber in den Werken feiner beften Zeit,
etwa von 1690 bis um 1720, fuchte er doch zuweilen durch Helldunkel-Effekte, die die
Zeitgenoffen fchon ä la Rembrandt fanden — zu intereffieren, und ift bemüht über die
höfifche Etiquette hinaus zu charakterifieren. Sein König Auguft III. als Kronprinz von
Sachfen ift ein effektvolles und bei aller Pofe frifches Werk (Nr. 17), auch das Porträt des
Chirurgen Ludwigs XV., Gigot de la Peyronie (Nr. 244, Dr. Tuffier, Paris), ift ein gutes
Beifpiel von Rigauds Malerei mit deutlicher Bemühung um Helldunkeleffekte.

Nicolas de Largilliere wurzelt noch im Grand siede, er fchwelgt im Seidenglanz und
Sammetfchmelz reichlicher Drapierung und gibt feinen Modellen die vornehm-unnatür-
liche Gebärde. Aber feine Studien vlämifcher Kunft, die er in Antwerpen getrieben und
während eines Aufenthaltes in England bei Lely befeftigt hatte, verraten den Anhänger
der jüngeren modernen Richtung. Sein Kolorit ift warm, die Palette reich, er hat eine aus-

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