Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 2.1910

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DENKMALPFLEGE

DENKMALPFLEGE

DER KÄMPF UM ÄLTWIEN Die

Freunde Ältwiens haben in den lebten Monaten
einen hartnäckigen, ununterbrochenen Kampf
gegen die Stadterneuerer führen müffen. An
allen Enden der Stadt, im Zentrum und an
der Peripherie, galt es Demolierungen und Ver-
bauungspläne abzuwehren. Da uns die not-
wendig^ Waffe, ein Denkmalfchußgefeß, noch
immer fehlt, fchien der Kampf wenig Äusficht
auf Erfolg zu laffen und war darum nur umfo
erbitterter. Der Streit begann, als im Frühjahr
das alte Gebäude des Kriegsminifteriums „Am
Hof“ an eine private Bauunternehmung verkauft
und bekannt wurde, daß man das Empirehaus
abbrechen und die Bognergaffe „regulieren“
wolle. Einer der wenigen gefchloffenen alten Pläße
Wiens wäre damit endgültig zerftört worden;
denn nicht um das Kriegsminifterium, an dem
die Offiziellen „nichts Befonderes flnden“ konnten,
handelte es fich, fondern um die Erhaltung des
Plaßbildes. Freilich, die anderen Seiten des
„Hofs“ find in den leßten Jahrzehnten fchon arg
verdorben worden. Daß man darum aber audi
die einzige intakte noch vernichten muffe, ift
eine fonderbare Logik, der man in Wien (und
wohl auch anderswo) allerdings häufig genug
begegnet. Indes, die Protefte halfen nichts, der
Verkauf kam zuftande und es war ein ganz be-
fonderes Entgegenkommen der neuen Beßrer
(Unionbaugefellfchaft), daß fie für die Löfung der
Plaßfrage ein Preisausfchreiben erließen, ftatt
nach eigenftem Belieben drauflos zu bauen. Das
Ergebnis aber war dank den Preisrichtern ein
klägliches. Ein paar gute, moderne Entwürfe,
die anftelle des Verlorenen wenigftens etwas
ehrlich Neues feßen wollten, fanden keine Be-
achtung, und den erften Preis erhielt ein Projekt,
das nur eine lächerlich verkleinerte Kopie des
alten, angeblich wertlofen Gebäudes wollte. Da
das neue Haus des Kriegsminifteriums am Stuben-
ring erft in ein paar Jahren fertig fein wird, die
wirkliche Demolierung des Baus „am Hof“ alfo
immerhin noch nicht akut geworden ift, be-
fchieden fich die Verteidiger Ältwiens einstweilen
mit diefem befchämendenRefultat und vereinigten
ihre Kräfte zur Rettung anderer bedrohter Mo-
numente. Daß fie nicht zur Ruhe kämen, dafür
war reichlich geforgt: in Döbling follte das
Maria-Therefia-Schlößl, ein reizender kleiner
Bau, demoliert werden, die Karlskirche, das
Meifterwerk des Fifcher von Erlach, follte als
neuen Nachbar und Rivalen das ftädtifche Mu-
feum erhalten, für das geplante Denkmal Rudolfs
von Habsburg war der Plaß auserfehen, auf dem
der leßte Reft der alten Stadtumwallung, das

äußere Burgtor (ein einfach-vornehmer Bau des
Peter von Nobile) fteht, und der neue Straßen-
zug Äkademieftraße - Laurenzerberg bedrohte
gleich eine ganze Flucht von fchönen und wert-
vollen hiftorifchen Gebäuden und Stadtbildern.
Über all dies ift in den leßten Monaten in Wien
viel, fehr viel geredet und gefchrieben worden;
ein unerfreuliches, oft recht albernes Gezänke ...
Und jeßt fcheint es, als ob die Verteidiger Ält-
wiens doch fiegen follten. Das Maria-Therefia-
Schlößl wird erhalten bleiben, gegen die De-
molierung des Burgtors foll fich der Thronfolger
Erzherzog Franz Ferdinand ausgefprochen haben.
Für die Erhaltung des alten Kriegsminifteriums
ift ganz unerwartet eine neue Hoffnung erftanden.
Es heißt, daß der Handelsminifter das Gebäude
für die Poftdirektion ankaufen und adaptieren
laffen wolle. Äuch die Mufeumsfrage ift fo gut
wie erledigt. Es werden bereits Pläne und Ver-
meffungen für die Errichtung des ftädtifchen
Mufeums auf einem andern Plaß gemacht. Nur
der Straßenzug, der die innere Stadt durch-
queren foll, ift nicht aufzuhalten. Es wird fchon
fleißig demoliert. Wir werden uns mit der
traurigen Tatfache abfinden müffen und es bleibt
uns nur übrig, einen blamablen Vandalismus ab-
zuwehren, der im Gefolge diefer Stadtvernewe-
rung das Haus des Finanzminifteriums bedroht.
Fifcher von Erlach hat es einft als Winterpalais
für den Prinzen Eugen erbaut, mitten in der
Straßenflucht. Jeßt wird daneben das Nachbar-
haus eingeriffen, das Fifcherfche Palais durch
einen Änbau zum Eckhaus umgeftaltet werden;
und das Ungeheuerliche, Unglaubliche foll ge-
fchehen: nicht ein modernes Haus, das in refpekt-
voll vornehmer Einfachheit den Zweck erfüllt,
ohne die architektonifche Wirkung des Palais
zu beeinträchtigen, foll die Ergänzung bilden,
nein, man will an das hiftorifche Gebäude
eine pfeudobarocke Seitenfaffade ankleben, die
Fifcherfche Architektur um die Ecke herum
„weiterführen“ 1 . . . V. F.

ÄQUILEJÄ Die Erhaltung und Sicherung der
neuentdeckten Mofaiken im Dom zu Äquileja
wird in der Weife durchgeführt, daß die Mo-
faiken des nördlichen Seitenfchiffes und des
Hauptfchiffes gehoben und in das Niveau des
jeßigen Fußbodens eingebettet werden. Nach den
architektonifchen und photographifchen Aufnah-
men des Fundbeftandes wird mit den Arbeiten
im Nordfchiff begonnen. Um wenigftens einen
Teil des Raumes aus dem 4. Jahrhundert offen
zu erhalten, wurde befchloffen, die Mofaiken
des füdlichen Seitenfchiffs vorläufig an ihrem
urfprünglichen Ort zu belaßen und nach der
Sicherung der Wände dort Zugänge zu fchaßen,

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