Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 2.1910

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INSTITUTE UND VEREINE

von Caftagno im Aufträge Leonardos di San
Francesco diFalladanzi gemalt worden. Gamba
bezog diefe archivalifchen und literarifchen An-
gaben nun auf ein Bild des Kaifer Friedrich-
Mufeums in Berlin (Nr.47. H.), das von Crowe und
Cavalcafelle (V. p. 500) unter den Arbeiten Fal-
conettos aufgeführt wurde, fpäter die Benennung
„Schule von Murano“ erhielt, im neueften Ka-
talog „Art Cofimo Roffellis“ benannt ift. Ein
ftilkritifcher Vergleich der Berliner Tafel mit den
Fresken Caftagnos in S. Apollonia, fpeziell mit
der „Kreuzigung“ überzeugte von der Richtig-
keit der Identifikation. Allerdings hat das Bild
des Kaifer Friedrich-Mufeums nicht die Herbe
und Wucht der Äpolloniafresken. Gamba er-
klärte das dadurch, daß das Bild durch ältere
Übermalung feine Eigentümlichkeiten bis zu
einem gewiffen Grade eingebüßt habe und fprach
die Vermutung aus, daß eine gefchickte Reftau-
ration der Tafel ihren alten Charakter wieder-
geben würde. Es fei bemerkt, daß diefe „Äffunta
mit Heiligen“ heute das einzige Tafelbild Ca-
ftagnos ift, daß in ihr das Kaifer Friedrich-Mu-
feum alfo ein Stück von fehr großem kunfthifto-
rifchem Wert befityt. Äleffandro Chiappelli
fprach über das Dreieinigkeitsbild Pefellinos, das
fich urfprünglich in der Compagnia della Trinitä
zu Piftoja befand und teilte eine Urkunde mit,
die einmal darlegt, welchen Anteil Pefellino an
der Ausführung des Bildes hat, und ferner den
Todestag des Künftlers, 29. Juli 1459, bekannt
macht. Wichtige Teile des berühmten Silber-
altars im Dom zu Piftoia betreffende Dokumente
veröffentlichte und interpretierte Peleo Bacci.
Bisher glaubte man, daß die Flanken diefes Altars
von einem florentinifchen Goldfehmied, Maeftro
Pero, gearbeitet waren. Das ift ein Irrtum, der
auf unzulänglichem Studium des Äktenmaterials
beruht. Die Urkunden berichten, daß die von
Maeftro Pero gelieferte Arbeit als minderwertig
abgewiefen wurde und nunmehr der Auftrag
den Florentinern Francesco Nicolai und Leonardo
di Ser Giovanni erteilt wurde, die diefen zu
großer Zufriedenheit der Piftojefen ausführten.
Bacci wies fchließlich auf die große Bedeutung,
die diefe Teile des Silberaltars zu Piftoia für
die Gefchichte der Florentiner Plaftik haben. Sie
find die Verbindungsglieder zwifchen Andrea
Pifanos Bronzetür und der erften Ghibertis am
Baptisterium. Odoardo H. Giglioli legte dar-
auf zwei Photographien vor, von denen die
eine Tizians Porträt desTomafo Mofti im alten,
uns allen bekannten Zuftande, die andere nach
der durch Vermehren ganz kürzlich und fehr
glücklich durchgeführten Reftauration zeigte. Unter
Übermalungen und trübem Firnis ift ganz über-
rafchend ein prächtiger, reich mit Pelz verbrämter

Rock zum Vorfchein gekommen, der dem Bildnis
eine völlig neue Wirkung gibt. Giglioli fprach
ferner über ein Bildnis des gealterten Kardinals
Leopoldo de’ Medici, das namenlos in den Uffi-
zien (Nr. 3507) hängt, aber nach einem Inventar
von 1675 ein Werk des Baciccio ift.

ROM. KAISERLICH DEUTSCHES ARCHÄO-
LOGISCHES INSTITUT. Sifeung vom 21. Januar.
G. J. Rivoira fprach über über den Urfprung
der römifchen Thermen. Er findet den Haupt-
unterfchied der römifchen von den griechifchen
darin, daß die erfteren richtige Bäder waren,
während bei den lefeteren mehr der paläftritifche
Zweck in den Vordergrund und das eigentliche
Baden in den Hintergrund trat. Der Vortragende
gab dann einen Überblick über die wichtigften
erhaltenen griechifchen und römifchen Thermen
und befprach dann fpeziell die ftadtrömifchen von
Ägrippa bei Diocletian. Er würdigte dann im
einzelnen die konftruktiven Motive der Diocle-
tiansthermen, befonders des Tepidariums, der
jeßigen Kirche S. Maria degli Ängeli, mit den
feitlich ftüßenden, innen Wendeltreppen führen-
den Türmchen, den großen feitlichen Stüijen und
dem eigenartigen Fenfterfyftem. Er findet diefe
Motive in der Hagia Sophia wieder, dann in
langobardifchen Bauten, z. B. dem Grabmal Theo-
dorichs. Alle diefe Bauten find evident von Rom
aus beeinflußt, fo daß man für fie den alten
Äusfpruch ex Oriente lux in ex Roma lux um-
ändern müffe. Hierauf befprach Delbrück ein
aus Baktrien ftammendes Relief, das eine 11 cm
im Durchmeffer meffende Bronzefcheibe des Ber-
liner Völkermufeums ziert. Es zeigt in getrie-
bener Arbeit eine vom Rücken gefehene, auf
einem höchft merkwürdigen Seedrachen fifjende
Nereide. Das Tier hat Molchpfoten, der Fifch-
fchwanz läuft zwirnfadenartig dünn aus wie
beim Chamäleon und endigt fchließlich in einem
Akanthusfächer. Der gehörnte Kopf filjt auf
einem Schildkrötenhalfe auf. Diefes Relief ift
ein wichtiges Denkmal der baktrifchen, von Grie-
chenland her unleugbar beeinflußten Kunft, das
einzige erhalten gebliebene, wenn man von bak-
trifchen Münzen abfieht. Der Redner befprach
dann Baktriens Lage als wichtigen Kreuzungs-
punkt der alten Handelsftraßen, auf denen die
hellenifche Kultur einerfeits die nordindifche, an-
dererfeits die chinefifche beeinflußte. Die Gandha-
rafkulpturen zeigen befonders den Einfluß Syriens
und Kleinafiens, nicht bloß im Ornament, fondern
auch in der Rundplaftik und im Relieffyftem.
Sogar der Realismus der helleniftifchen Kunft ift
wiederzuerkennen, z. B. in einer Skulptur des
Buddha in derAskefe. Die Dekoration der chine-

Der Cicerone, II. Jahrg., 3. Heft. 8

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