Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 2.1910

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ISLAMISCHE BUCHKUNST

Zentren kennen zu lernen, bietet die Sammlung
Walter Schulz, die reichhaltigfte von allen, die
an der Ausheilung beteiligt find. Unter den
Büchern heben wir eine Gefchichte Timurs her-
vor, gefchrieben 1467 von Schir Ali, mit 12 Mi-
niaturbildern von der Hand des berühmten Mei-
fters Behfad von Herat, unübertroffen in der
koloriftifchen Abtönung und in der Wiedergabe
der Bewegungen. Eine Serie von Blättern mit
den Gedichten des Hafiz, umrahmt von perfifchen
„Grottesken“ (Arabesken, ftilifierte Blumen, Men-
fchen- und Tierfzenen), zeigt die Technik der
Goldpinfelzeichnung in ihrer beften Zeit (Änf.

16. Jahrh.), während eine Reihe von Illuftrationen
zu demfelben Dichter, köftliche Darftellungen von
außerordentlicher Feinheit des Striches und zar-
teftem Kolorit, für die folgende Epoche des

17. Jahrhunderts charakteriftifch ift. Von den älte-
ren Einzelblättern verdienen befonders zwei 1463
datierte (aus einem Schah-Name) wegen ihres
ftark oftafiatifchen Gepräges genannt zu werden.
Unter den indifchen Miniaturen fällt eine Be-
gräbnisfzene (um 1500) auf, bei deren eigen-
artiger Farbengebung und ausdrucksvoller Schil-
derung man fich unwillkürlich an Giottos Fresken-
zyklen erinnert. Es ift nodi eine primitive Kunft,
die erft viel fpäter zur vollen Reife gedeihen
follte. Wir erwähnen ferner ein Blatt des
16. Jahrhunderts: Äkbar inmitten der Großen
feines Hofes, ausgezeichnete Porträtköpfe, und
ein minutiöfes Bildnis des Schah Djehangir aus
derfelben Zeit. Eingehendes Studium verdienen
die Einbände diefer Kollektion, die einen guten
Überblick über die Techniken der Goldpreffung,
des Ärabeskenpligrans, der Lederintarfia und
der Lackmalerei gewähren.

Die Sammlung Sarre ift den Befuchern des
Kaifer Friedrich-Mufeums großenteils bekannt.
Ihre bemerkenswerteften Sdiätje find ein voll-
ftändiger perßifcher Prachtkoran des 16. Jahr-
hunderts mit zugehörigem Einband, ein Ma-
nufkript derKosmographie desKaswini (15.Jhrh.),
mit Darftellungen der merkwürdigften „Wunder
der Welt“, eine 139 Blatt umfaffende Handfchrift
des Djami von 1557 mit Pflanzen- und Tier-
motiven als Randverzierungen, und eine Folge
von Zeichnungen und Skizzen des Ali Riza

Äbbaffi, des bekannteften Künftlers der Schule
von Isfahan im 17. Jahrhundert, über den Prof.
Sarre eine eingehende Studie vorbereitet. Her-
vorragend find ferner zwei Darftellungen myfti-
fchen Charakters, leicht getönte und ftellenweife
vergoldete, außerordentlich zarte Pinfelzeichnun-
gen, die der Befitjer für perfifche Arbeiten aus
derzeit um 1500 hält, während ich fie als Bei-
fpiele einer frühen Blütezeit in Indien anfehen
möchte. Ein Marienbild und eine Landfchaft find
intereffant als Kopien nach europäifdien Vor-
bildern, während umgekehrt eine Federzeichnung
Rembrandts den Beweis erbringt, daß auch der
große Holländer die indifche Miniaturmalerei ge-
kannt und von ihr gelernt hat.

Aus der Handfdiriftenabteilung der Königl.
Bibliothek find etwa20Werke meiftperfifcher
Herkunft ausgeftellt, darunter ein prächtiger Koran
des 16. Jahrhunderts, ein Manufkript der Ge-
dichte des Khosrau von Dehli, deffen Bilder-
fchmuck auf Behfad zurückgeht, ein Nizami-
Exemplar, deffen Arabesken noch den delikaten
Stil des 15. Jahrhunderts zeigen, und eine Pradht-
ausgabe von Firdufis Schah-Name.

Neunzehn Sammelbände des Mufeums für
Völkerkunde geben den beften Begriff von
dem Kunftleben, das fich an den Höfen der
Mogul-Kaifer und der kleineren mohommeda-
nifch-indifchen Fürften bis ins 19. Jahrhundert
entfaltete. Sie enthalten Schriftproben und Mi-
niaturen verfchiedener Epochen, hie und da auch
rein dekorative Entwürfe, fowie europäifche
Kupferftiche.

Die Bibliothek des Kunftgewerbemufe-
ums felbft befißt fdron eine ftattlicheReihe von
Werken der indifchen Kleinmalerei, vornehmlich
Porträts von Fürften und hohen Hofbeamten aus
dem 18. Jahrhundert, ferner einen fchönen per-
fifchen Koran von 1442 und eine 32 Blatt um-
faffende Handfchrift des Alexanderbuches von
Nizami mit Miniaturen und Randverzierungen,
die im Jahre 1786 in Agra angefertigt wurde.

Das Kaifer Friedrich-Mufeum endlich hat
feine reiche Sammlung ägyptifcher Bucheinbände
hergeliehen, die das Gefamtbild der Äusftellung
nach diefer Seite hin vortrefflich ergänzen.

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