Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 2.1910

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AUSSTELLUNGEN

fammenhang der wefteuropäifchen Kunft mit der
ungarifchen feit jeher beftand und an Tiefe eher
zunimmt, als abflaut. Man vermißt die natio-
nale Note bei diefen Leuten, deren ftark aus-
geprägte Eigenart für fie bezeichnend ift. Mun-
käcfy ift fo ziemlich der einzige, de|Jen Name
uns geläufig ift; es ift intereffant, daß er hier
von der andern Seite her, nicht als der etwas
langweilige Pathetiker, fondern als der feine
Tonmaler, der Genoffe Leibis und Liebermanns,
gezeigt wird. Man hat fich Mühe gegeben, aus
drei Jahrzehnten Bilder heranzuziehen, darunter
befonders den „Kolpacher Park“, der eine regel-
rechte Überrafchung bietet; den Landfehafter
Munkäcfy kannten wir nicht und er will dabei
mit dem Maße der Franzofen gemeffen werden.
Sein Zeitgenoffe, von Paal, ift ein ftiller, aber
vornehmer Künftler, bei deffen Bildern man ohne
Unbehagen an die Barbizoner denken darf. Der
dritte, von Szinyei, der intime Freund Leibis
und Böcklins, ift ein Genuß, wenn man auch die
mannigfachen Anlehnungen an den leßteren nicht
überfehen kann. Unwillkürlich wird man bei
diefen duftigen Farbenfkizzen an die gleich-
zeitigen Franzofen erinnert, und doch handelt es
fich um eine Malernatur, die fich durch fremde
Einßüffe nicht beirren ließ, fondern in eigenfter
Farbenempfindung fich auszudrücken wußte. Ein
Bild wie die „Schaukel“ würde die befte Galerie
Europas zieren; ebenfo die „Landpartie“, deren
erfter Entwurf (Nr. 172) mir übrigens farbig noch
feiner erfcheint.

Maler wie etwa Ferenczy bilden den Über-
gang zu jenen der modernften Richtung. Er
mag ja eine achtungswerte Größe fein, doch es
ift nicht recht einzufehen, warum ihm gerade
der größte Saal eingeräumt wurde. Solche Bilder
fieht man fchockweife in allen „Glaspaläften“ der
Welt. Fenyes hat fich mit Leib und Seele den
Franzofen verfchrieben und es ift ihm zumindeft
gelungen, eine täufchende Ähnlichkeit zu er-
reichen. Doch täte man ihm unrecht, wollte man
fich dem liebenden Ernft verfchließen, mit dem
er feine Stilleben und Interieurs behandelt; aller-
dings für Landfchaften reicht diefe befchauliche
Art kaum aus, felbft nicht für die wafchechten
venezianifchen Campi, die Fenyes mit Routine
malt. Rippl-Rönai, der lange in Paris ge-
lebt hat, jagte fich, daß franzöfifche Malart nicht
hindern kann, ungarifche Gärten auf eigene Art
zu fehen, und man muß zugeben, daß alles Fran-
zofentum in feinen Bildern nicht fertig bringt,
ihre nationale Note totzufchlagen. Es gehört
fchon ein gewiffes Tempo des Blutkreislaufes
zur Schaffung diefer Farbenharmonien, wenn
man auch von den knallroten Erzeugniffen ma-
gyarifcher Textilkunft darauf abfehen wollte.

Peinlicher wirken die leßten Ausläufer der
Gauguins und Matiffe’s, die mehr oder minder
unausfprechlichen Namen mitKernftock an der
Spiße, die in heißem Bemühen die Ultras der
Seine-Metropole zu übertrumpfen verfuchen. Auch
vonStrobenß ift zu Jagen, daß fein enger An-
fchluß an die Münchner Scholle ihn doch kaum
über diefe fekundäre Stellung hinwegbringen
kann, wenn auch fein Bild in der Dresdner
Galerie den Ungarn Ehre macht.

Man hat den Eindruck, daß in Malern wie
etwa Cfok die Möglichkeiten einer wirklichen
Schollenkunft für Ungarn blühen, einer Kunft,
die von der prächtigen Farbenfreude des Landes
genährt, fich an den Errungen ((haften der weft-
lichen und weftlichften Nachbarn nicht beraufcht,
fondern heranbildet. Freilich gehören dazu Ta-
lente — und Genies.

Bei SCHULTE ftellt Walter Georgi aus, der
ehemals zur „Scholle“ gehörte, und den man feit
langem aus der „Jugend“ kennt. Georgi hat als
Maler viel von Puß gelernt. Seine Bilder find
vorzüglich, mit breitem Pinfel, mit forgfamer
Abwägung der Töne und wirkfamer Kontraftie-
rnuß der Farben gemalt; es ift an ihnen fchlech-
terdings nichts auszufeßen, fie fchlagen überdies
den frifchen, fdiwäbifch-bayrifchen Grundton
glücklich an. Nun fchäßen wir in Georgi den
feinen, intimen Zeichner der fchwäbifehen Märkte
und Gäßchen und können uns füglich nicht des
Eindrucks einer Gabelung der künftlerifchen Per-
fönlichkeit erwehren. Von feinen illuftrativ kolo-
rierten Stadtanfichten führt keine Brücke zu den
„pußifch“ korrekten großen Bildern, mögen fie
auch „Nani“ heißen und einem zutraulich in die
Augen fehen. Es wäre freilich töricht, einem
wirklichen Talent, wie Georgi, Schranken um
feine Themata ziehen zu wollen, allein es muß
gefagt werden, daß ein Puß denn doch ein Eigener
bleibt in allem, was er aus der Hand gibt, und
daß Eigenart das teuerfte aller Güter ift.

Bei GURLITT ift eine Äusftellung von „Blu-
men und Interieurs“ zu fehen. Es find disiecta
membra verfchiedener Künftler, die fich kaum
denken konnten, jemals friedlich zufammenzu-
kommen. Blumen brauchen durchaus nicht immer
langweilig behandelt zu werden, daran wird

man hier gegenüber den gediegenen Studien von

Trübner, Slevogt, Corinth.Weiß, Moffon
und anderen erinnert. — Das eine Mal fiegt das
Gegenftändliche über das rein malerifcbe Inter-
effe, das andere Mal umgekehrt. Der Saal mit
Bildern aus dem Schloß Pareß von Hübner
wird kaum etwas anderes als Achtung vor der
gewiffenhaften Wiedergabe der gewiß reizvollen
Interieurs erwecken. J. B—h.

Der Cicerone, II. Jahrg., 4. Heft. 10

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