Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 2.1910

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PERSONALIEN

PERSONALIEN

LUIGI LÄNZI. ZUR HUNDERTJÄHRIGEN
WIEDERKEHR SEINES TODESTAGES (30. März
1810). Der Fremde, der in Santa Croce zu Florenz
das Grabmonument Lanzis betrachtet, das ihm
von Freunden und Bewunderern errichtet wor-
den ift, findet auf der Infchrift die irreführende
Angabe, daß Lanzi in Montolmo, dem heutigen
Parefula, geboren fei. In Wirklichkeit ift fein
Geburtsort die kleine Stadt Treja, wo die Eltern
Lanzis fchon fechs Jahre vor feiner Geburt ge-
wohnt haben, und wo er die erften zwölf Jahre
feines Lebens verbrachte. In einem Kirchenbuch
findet fich die Notiz, daß er am 14. Juni 1732
getauft wurde, und in der Straße, die vom
Hauptplaß zum Dom führt, ift noch heute fein
Geburtshaus erhalten. Bald nach dem Tode
Lanzis klärte Fortunato Benigni aus Treja den
wahren Sachverhalt auf; troßdem fuhren fpätere
Schriftfteller fort, den alten Irrtum zu wieder-
holen, daß der Vater der modernen Kunftwiffen-
fchaft in Parefula geboren fei. Darauf antwor-
tete Benigni 1824, indem er auf Grund zahlreicher
Dokumente nachwies, daß weder Lanzi felbft,
noch irgend einer feiner Vorfahren väterlicher-
feits aus Parefula ftammte. Sein Vater Gaetano
war feit 1726 Arzt in Treja und heiratete zwei
Jahre fpäter Mea Fermani aus Montolmo, die
ihm 1732 einen Sohn gebar, der in der Taufe
den Namen Luigi empfing. Während die Mutter
mit dem kleinen Luigi in Treja im Haufe des
Großvaters Coftantino Lanzi verblieb, der eben-
falls Arzt war, feßte der wiffenfchaftlich ftreb-
fame Vater an der Univerfität Padua feine Stu-
dien fort und praktißerte von 1740 an in Treja,
Fermo, Narni und Fabriano, wo er 1775 als Proto-
medico ftarb. Luigi trat mit 10 Jahren in ein
Jefuitengymnafium ein und ließ pch als Siebzehn-
jähriger in den Jefuitenorden aufnehmen. Zu-
nächft befchäftigte er fich mit klaffifchen Studien.
Seit 1740 war er als Lehrer in Rom, Tivoli und
Viterbo tätig. Um feine durch Überanftrengung
gefch wächte Gefundheit wiederherzuftellen, wurde
er von den Vorgefeßten nach Siena gefchickt,
wo ihn die Nachricht von der Aufhebung des
Ordens erreichte. Bald darauf im Jahre 1775,
berief ihn Großherzog Peter Leopold von Tos-
kana als zweiten Antiquar an das Kabinett der
Gemmen und Medaillen in Florenz. In feiner
neuen Stellung fchrieb er einen Katalog der
Galerie (La Real Galleria di Firenze, 1732) und
eine Arbeit: Notizie della Scultura deqli Äntichi
1785.

Dann folgte die Herausgabe des berühmten
Werkes: „Saggio di Lingua Etrusca e di altre
antiche d’Italia 1789.“ Seinen Weltruhm aber

verdankt Lanzi der „Storia pittorica della Italia
dal Riforgimento delle Belle Ärti fin presso al
ßne del XVIII Secolo,“ welche er zuerft in be-
fcheidenem Umfange in Florenz 1792, dann als
fechsbändiges Werk in Baffano herausgab. In
diefem feinem Hauptwerke hat er zum erften
Male mit wiffenfchaftlichen Kriterien die Ge-
fchichte der italienifchen Malerei erfchöpfend
'behandelt, nachdem er auf Reifen viele Jahre
lang Material gefammelt hatte. Seine Aufzeich-
nungen, die er ganz fyftematifch in Form von
Kollektaneen anlegte und durch Denkmäler- und
Quellenftudium fortwährend ergänzte, zeichnen
fich durch größte Sorgfalt aus. Als Kind feiner
Zeit faßte er die Entwicklung der Kunft noch
rein hiftorifch auf, ohne auf die kulturhiftorifchen
Zufammenhänge näher einzugehen. Sein Stil
ift einfach und klar, aber ohne Eleganz. Alles,
was ihm an handfchriftlichen und gedruckten
Quellen irgend erreichbar war, hat Lanzi auf
das forgfältigfte excerpiert, und der befondere
Wert der „Storia pittorica“ liegt für uns in dem
Reichtum tatfächlicher Angaben und literarifcher
Nachweife.

Als er 1793 Bologna, Venedig, Friaul, Piemont
und Genua bereift hatte, wurde er in Garfagnana
von einem Schlaganfall betroffen. Nach Florenz
zurückgekehrt, vollendete er die neue Ausgabe
feiner Storia pittorica. Dann fuchte er Heilung in
den Bädern von Abano und in Baffano, wo er
fich 1796 befand, als die franzöjifche Invafion
begann. Während der ftürmifchen Zeiten, die
folgten, hielt er fich an verfchiedenen Orten
Oberitaliens auf, bis Leopold I. den toskanifchen
Thron beftieg. In Florenz wurde ihm noch die
hohe Ehre der Ernennung zum Präfidenten der
Äccademia della Crusca zuteil. Bis zuleßt uner-
müdlich tätig, erlag er am 30. März 1840 einem
neuen Schlaganfall.

Es ift an diefer Stelle nicht möglich, einen
Katalog der übrigen Publikationen Lanzis zu
geben. Nur auf zwei wichtige Abhandlungen
fei noch hingewiefen: „Dei vasi antichi dipinti,
volgarmente chiamati etruschi“, in drei Büchern,
Florenz 1806, und „Illuftrazione di due vasi fittili
ed altri monumenti, recentemente trovati in
Pefto, Rom 1809. Im Jahre 1817 erfchienen noch
zwei Bände: Opere poftume dell’Äbate Luigi
Lanzi, von Onofrio Boni herausgegeben.

Obgleich, wie oben bemerkt, feftfteht, daß
Parefula nicht der Geburtsort Luigi Lanzis ift,
hat der Magiftrat der Stadt den Befchluß gefaßt,
bei Gelegenheit der hundertjährigen Wiederkehr
feines Todes das Andenken des großen Mit-
bürgers durch eine Gedächtnisrede und andere
Ehrungen zu feiern. Ferner — und diefer Ent-

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