Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 2.1910

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DIE ÄUSSTELLUNG VON WERKEN HLT-
ENGLISCHER MEISTER IN DER GÄLERIE
HEINEMÄNN IN MÜNCHEN

Mit 6 Äbbildungen (2 im Text und 4 auf 1 Tafel) Von HERMANN UHDE-BERNÄYS

Wenn in unferen einftmals äußerlichen und ftark dilettantifchen Beziehungen zu den
englifchen Malern des fcheidenden 18. und beginnenden 19. Jahrhunderts eine
Wandlung eingetreten ift, dürfen wir in erfter Linie den deutfchen Kunfthändlern Dank
ausfprechen, die durch die Verbindung mit dem englifchen Kunftmarkt ein gutes, an
Qualität ficheres, und von Anregungen wechfeinder Art erfülltes Material nach dem Kon-
tinent gebracht haben. An der Spilje diefer Firmen wußte die Galerie Heinemann in München,
noch bevor irgendwelche Kaufluft ihren Beftrebungen entgegenkam, ein Intereffe wach-
zurufen, das in der Stadt der Schleich und Lier, der Pilotg und Lenbach nunmehr den
Schöpfern der englifchen Landfchaft, den Wiifon, Conftable und Turner, und den gleich-
zeitigen Meiftern des Porträts, Künftlern wie Gainsborough und Lawrence, verftändnis-
voll zu folgen in der Lage ift. In fünf Jahren drei größere englifche Ausheilungen, die
mit der Sammlung Ch. Sedelmeyer im Februar 1905 begannen, und trotzdem, trotj der
Wiederholung manchen Werkes, das jefet durch die Vertrautheit faft ein perfönliches Band
fchlingt, erhält fich die allgemeine Teilnahme, fo daß wir wohl von nun an mit diefen
englifchen Ausheilungen bei Heinemann als händig in beftimmtem Turnus wiederkehren-
den Ereigniffen des Münchner Kunftlebens zu rechnen haben. Es ift bezeichnend für
München, und ebenfo bezeichnend für die Art, richtiger für die Nuancierung, mit der ein
wachfendes Verhältnis zu diefer Kunft fleh kundgibt, daß eine folche Teilnahme ficherlich
durch eine im Materiellen begründete Gegenfeitigkeit unterftüßt wird (man möchte fie
etwa als kunftgewerbliche Kunftliebe bezeichnen). Zunächft war es alfo nicht eine kolo-
riftifche Eigenfchaft der Bilder, fondern ein ihnen anhaftendes ftoffliches Timbre, deffen
an fich befcheidene Ausfprache nicht einmal immer durch die dekorative Note verftärkt
zu fein braucht, welches die Verbindung herftellte. Meier-Graefe hat in feinem Buche
über die großen Engländer ein Kapitel überfchrieben „portrait-manufacturers“ und damit
das merkantile Prinzip einer Künftlergruppe bezeichnet, aber dabei hat er im fprachlichen
Ausdruck gleichzeitig das kunftgewerbliche Moment eingefchloffen, das felbft bei den in
der Verehrung für die alten holländifchen Meifter gefchaffenen erften Werken John Con-
ftables vorhanden ift. Die finnliche Empfindung, die mit deutlicherem Antrieb vor kunft-
reich gewebten Gobelins fich in den Fingerfpitjen körperlich fühlbar einftellt, verbindet
jedoch nur äußerlich und hindert anfangs den innerlichen Kontakt. Auf der großen Ausftellung
englifcher Porträts vor zwei Jahren in Berlin zeigte es fich, daß er bei den abfichtlichen
Paradeftücken einer kühlen Repräfentationskunft überhaupt nicht gewonnen werden konnte.
Das Überwiegen der malerifchen Qualität erft wird über das Äußerliche rafch hinweg-
führen, die Hemmung befeitigen, und nun enthüllt uns das Aufgehen in den Werken der
großen Landfehafter die künftlerifchen Individualitäten, deren perfönliche Art bei einem
Einzigen, dem Größten, und bei ihm reftlos in feinen Skizzen allein auf geradem Wege
erfaßt werden kann. John Conftable wird uns zum Führer durch die gefamte englifche
Landfchaftsmalerei.

Conftable ftand von jeher bei Ausheilungen der Galerie Heinemann voran. Die er-
ftaunliche Reichhaltigkeit feiner Skizzen, deren Kenntnis nach den Originalen im South
Kensington museum und (faft noch [(Klagender) in der einftigen Sammlung Cheramy in Paris,
wo fie, über 50 an der Zahl, an einer Wand zufammengehängt, die hiftorifchen Begriffe

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