Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 2.1910

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LITERATUR

aber fie zeigen zur Genüge die Ziele und Ab-
richten des ganzen, groß angelegten Werkes.

In vier Abteilungen behandelt die „Einführung“
das Material, den Feingehalt, dieWerkftatt und
einige Hilfsarbeiten des Goldfchmieds. Die erfte
Abteilung fchildert das viele Jahrhunderte hin-
durch in gleicher Weife betriebene Goldwafchen,
fowie das Ausbringen von Gold und Silber aus
den Erzen bei den Ägyptern, Griechen und Rö-
mern. Die Bergwerksarbeit der fpäteren Zeit
wird uns durch einige bildliche Darftellungen
auf Goldfchmiedearbeiten bekannt gemacht. Ins-
befondere find die Reliefs des von dem Frei-
berger Goldfehmiede David Winckler 1625
gefertigten Grünthaler Knappfchaftspokales im
Dresdener Grünen Gewölbe zur Grundlage ein-
gehender Erörterungen über die Gewinnung und
Verarbeitung der Erze genommen. Ein weiterer
Äbfchnitt geht auf die Kleidung und Geräte des
Bergmanns ein. Den Schluß der erften Abteilung
bildet die Befprechung der Eigenfchaften von
Gold und Silber, im befonderen der Vorzüge
der erfteren bei der künftlerifchen Verarbeitung.

Die zweite Hauptabteilung umfaßt den Fein-
gehalt und Bemerkungen über feine gefchicht-
liche Entwicklung, die Zwecke der Legierung,
die Prüfung des Feingehaltes und endlich die
Stempelung. Hier nimmt Rofenberg Gelegenheit,
für die vielumftrittene Infchrift der Bernwards-
leucbter von Hildesheim eine neue Deutung auf-
zuftellen. Auf Grund einer durch ihn veran-
laßten chemifchen Änalyfe des Metallgehaltes
der Leuchter, die das Vorhandenfein von gutem
Silber konftatiert hat, kommt er zu der Erklä-
rung, daß Bernward durch die Art der Infchrift
dem Lefer weismachen wollte, er habe durch
geheime Mifchungen aus fchlechterem Metall
ein befferes zuwege gebracht.

Sehr eingehende Unterfuchungen find den
Prüfungsmethoden des Feingehaltes gewidmet
und der zu feiner Sicherung verwendeten Stem-
pelung, die zuerft bei byzantinifchen Arbeiten
nachgewiefen ift, wo eine beftimmte Zahl von
Stempeln einen beftimmten Feingehalt bedeutet.
Als ältefte Nachricht über die Verwendung von
Stadtzeichen bei ausgeführten Silberarbeiten ift
eine Verordnung Philipps des Kühnen von 1275
genannt. In Florenz begegnen wir erftmals 1335
der Forderung eines Meifterzeichens. Die Ver-
einigung von Stadt- und Meifterzeichen verlangt
zuerft eine Goldfchmiedeordnung von Mont-
pellier aus dem Jahre 1355. Den textlichen Er-
örterungen fchließen fich drei Markentabellen an.
Die erfte gibt eine Zufammenftellung von un-
gedeuteten, zum Teil noch gotifchen Stempeln,
die zweite und dritte enthalten die Meifter-
zeichen der bedeutendften Goldfehmiede und die

wichtigften Städtemarken. Der Tabelle der Mei-
fterzeichen ift eine im Befiße Rofenbergs bepnd-
iiche Lifte von Nürnberger Goldfchmieden nebft
Meiftermarken-Skizzen, etwa die Jahre 1540 bis
1629 umfaffend, beigegeben, die dem Befißer
bereits bei der Herausgabe feiner „Merkzeichen“
wichtige Dienfte geleiftet hat.

In der dritten Abteilung werden wir in die
Werkftatt des Goldfchmieds geführt und mit
feinem Handwerkszeug bekannt gemacht. Ein-
gehend ift hier die Werkftatteinrichtung des
Theophilus gefchildert; daran fchließen fidi Er-
örterungen über die allmähliche Vervollkomm-
nung der mittelalterlichen Einrichtungen wäh-
rend der Renaiffance. Der Äbfchnitt über das
Handwerkszeug befchreibt die Schmelzvorrich-
tungen, den Ofen, die Blafebalganlagen, die
verfchiedenen Typen des Schmelztiegels und der
Tiegelzange. Dann folgen als weitere feftftehende
Inventarftücke des Goldfchmieds Kloß, Amboß,
Einfaßeifen, Planfchen-, Spann- und Scherten-
hammer, Feile und Polierftahl. Die Befprechung
anderer Spezialwerkzeuge ift den fpäteren Ka-
piteln über die einzelnen Techniken Vorbehalten.
Die große Menge von Werkzeugen, wie fie dem
fpätmittelalterlichen Goldfchmiede zur Verfügung
ftanden, ift durch ein 1498 aufgenommenes In-
ventar der Werkftatt des Goldfchmieds Elziarius
de Ecclefia in Draguignam veranfchaulidit.

Der leßte Äbfchnitt der „Einführung“ unter-
richtet uns über einige Hilfsarbeiten des Gold-
fchmieds, über das Löten, Nieten, Lahnverbin-
den, Klammern, das Binden durch Scharniere,
das Verzapfen, Verfchrauben, Vergolden, Plat-
tieren ufw., wobei wir die Gefchichte ihrer
technifchen Entwicklung und ihrer Anwendung
von den Ägyptern an bis zur Neuzeit kennen
lernen.

Den knapp und leicht verftändlich gefaßten
Text des vornehm ausgeftatteten Werkes be-
gleitet in 157 Figuren ein mit großer Sorgfalt
zufammengeftelltes Illuftrationsmaterial. Bei der
Auswahl desfelben hat derVerfaffer nach Mög-
lichkeit vermieden, dem Lefer landläufige und
oftmals abgedrofehene Klifchees aufzutifchen.
Er legte vielmehr Wert darauf, auch in den
Bildern der Forfchung etwas neues zu geben.
Ein Teil der Illuftrationen ift uns willkommen,
weil er Büchern und Zeitfchriften entnommen
ift, die uns nicht leicht zur Hand zu fein pßegen.
Daran reihen fich Abbildungen, die als erft-
malige Veröffentlichungen geboten werden. So
bringt Rofenberg aus feinem Befiße einige
Kupferftiche mit Anfichten von Goldfchmiede-
werkftätten der erpen Hälfte des 17. Jahrhun-
derts zum Abdruck. Ebenso ift die bereits er-
wähnte Lifte von Nürnberger Goldfchmieden

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