Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 2.1910

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DIE GEISTLICHE SCHÄTZKÄMMER DES ALLER-
HÖCHSTEN KAISERHAUSES IN DER K. K. HOF-
BURG ZU WIEN Von ÄLFHED SCHNEBICH

Wenn man die Wiener Hofkapelle nennt,
denkt man zunächft an ihre weltberühmte
Kirchenmufik. Es ift wohl zu vermuten, daß
mit der Tonkunft die Merkwürdigkeiten der
heiligen Räume noch nicht erfchöpft find. Beim
feierlichen Gottesdienfte bekommt man vorüber-
gehend auch manch koftbares Gerät und Para-
ment zu sehen. Wer befonders vom Glücke
begünftigt war, durfte wohl auch in die Sakriftei-
fchränke fehen, wo die Schätje aufbewahrt
wurden. Die frühere Art der Aufbewahrung
ließ eine allgemeine Befichtigung nicht gut zu.

Es war ein überaus glücklicher Gedanke, diefe
Kunftwerke allgemein zugänglich zu machen.
Ein großer Saal im Südtrakt des Schweizerhofes
nebft einem kleinen Vorraum wurden zu diefem
Zwecke eingerichtet. Der Vorraum enthält Go-
belins," die an den Wänden aufgehängt find.
Der eigentliche Äusftellungsfaal ift durch Glas-
wände abgeteilt. In den hierdurch gefchaffenen
Seitenräumen find die einzelnen Objekte auf-
geftellt, während längs der Mitte des Saales
[ich das Publikum bewegen kann. Die Anord-
nung ift lediglich nach Gefichtspunkten der Zweck-
mäßigkeit gefchehen. Jeder einzelne Gegenftand
ift fehr bequem zu betrachten, aber auch leicht
auszuheben, da doch eine Anzahl Objekte dem
praktifchen Gebrauche dienen. Da die parterre
gelegenen Räume nur fpärliche Tageslichtzufuhr
haben, ift alles elektrifch beleuchtet. Ein „Führer“
mit einer gefchichtlichen Einleitung und Auf-
zählung der einzelnen Gegenftände erläutert die
aus 8 und 565 Nummern begehende Sammlung.1
Die Befchreibung gefchah auf Grund der Inven-
tarifierung weil. Hofkaplans Ferd. Zenner.
Einige Unrichtigkeiten und Ergänzungen werden
bei fpäteren Auflagen zu berichtigen bezw. nach-
zutragen fein. Wir müffen für das Gebotene
überaus dankbar fein.

Klagt man nicht ganz mit Unrecht, daß in den
kaiferlichen Mufeen durch die fyftematifdie Auf-
hellung der Kunftwerke die Eigenart der Samm-
lungen, denen fie entnommen find, ftark ver-
wifcht wurde, fo haben wir doch in der welt-
lichen und nunmehr auch in der geiftlidhen Schat}-
kammer einen hochwillkommenen Erfatj nach
diefer Hinficht.

Der Vorraum der geiftlichen Schatzkammer,
die uns im weiteren befchäftigen foll, enthält
eine Anzahl koftbarer Gobelins, zum größten

1 Führer durch die Geiftlidie Sdiatjkammer des allerh.
Kaiferhaufes in der k. k. Hofburg in Wien. Wien 1909.
J. Weiner. 8°.

Teile Brüffeler Herkunft, aus dem 16. u. 17. Jahr-
hundert, Nr. 1—3 Szenen aus dem Leben des
heil. Paulus, von denen Nr. 2 befonders ob der
köftlichen Umrahmung uns feffelt. Nr. 7 ift der
Schluß einer Reihe von 6 Darftellungen der Tri-
umphe des Petrarca, wie wir fie u. a. an den
berühmten Elfenbeintruhen im Dome zu Graz
finden.

Wir treten nun in den eigentlichen Saal. Es
muß gleich ausgefprochen fein, daß die Kunft
des 17. und 18. Jahrhunderts, der Barock, und
insbefondere das Zeitalter Karl VI. und Maria
Therefias weitaus das erfte Wort hat. Manches
ältere Objekt ift auch erft in neuerer Zeit hinzu-
gekommen, fo der fchön gotifche Altarkelch
Nr. 21 aus Wiener Neuftadt und der unrichtiger
Maßen im Führer als „romanifch“ bezeichnete
Kelch Nr. 23. Das Doppelkreuz Nr. 216 mit dem
Wappen Ludwig des Gr. von Ungarn ift durch
Publikation längft bekannt. Verfchiedenen Zeit-
perioden entftammt die Reliquienmonftranze
Nr. 209. Von höchfter Pracht ift der Kelch Nr. 236.
Ein ganz auserlefenes Stück aus diefer Kunft-
periode, überhaupt eines der ausgezeichnetften
Stücke der Sammlung ift das goldene Pacificale
Nr. 243, welches den Dorn aus der Krone Chrifti
enthält und wohl franzöfifchen Urfprungs ift.
Der plaftifch figürliche Schmuck, welcher das
Weltgericht darftellt, ift email-polychromiert.
Diefes Kunftwerk ift dem „Goldenen Röffel“ von
Ältötting nahe verwandt. (Nur der Unterfafz ift,
wie leicht erkennbar, aus dem 19. Jahrhundert.
Die Befchreibung darnach zu ergänzen.) Nicht
zu überfehen find einige Paramente, darunter
die Kafel Nr. 172 mit einem plaftifch geftickten
„Baumkreuz“.

Das Cinquecento weift mehrere ausgezeichnete
Stücke auf, welche fich aus der Kunftkammer
Erzherzog Karls II. von Steiermark nach Wien
gerettet haben. Dem Nachlaße diefes Fürften ift
es noch übler ergangen als jenem des Kaifers Ru-
dolf II. Wir befißen in Nr. 38 das Gebetbuch des
Erzherzogs vom Jahre 1590. Die Deckel aus
Edelemail mit herrlichem transluziden Email.
Die (nicht fichtbaren) Innenfeiten weifen die
Miniaturen der Namenspatrone des Erzherzogs
und feiner Gemahlin auf. Weniger glücklich in
der Form, aber mit herrlichem Emailfchmuck ift
die Reliquienmonftranze aus derfelben Samm-
lung, welche dem Erzherzog im Jahre 1597 ge-
fchenkt ward (Nr. 217). (Das Kreuz zu oberft
ift fpäteren Datums.) Das derfelben Sammlung
entftammende kaiferliche Taufzeug mit dem

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