Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 2.1910

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AUSSTELLUNG VON MEISTERWERKEN MOHAMMEDANISCHER KUNST

wohl hat eine neue Idee zur Schauftellung ver-
borgener Schäle eine fo intenfive Werbekraft
gezeigt wie in diefem Falle.

Da es fich für uns hier nur um eine kurze
Orientierung über die Veranftaltung als folche
handeln kann, feien im folgenden nur die her-
vorragendften Stücke aufgezählt, denen in der
Husftellung eine befondere Bedeutung zukommt.

Von der faffanidifchen Epoche, der wichtigen
Vorftufe der islamifchen Kunft, find wahrfchein-
lich noch niemals fo glänzende Beifpiele vereint
gewefen. Der berühmte Seidenstoff aus St.
Kunibert in Köln, dem fich der aus Klofter Sieg-
burg gefeilt, hängt hier über den Silberfchalen
der Eremitage in St. Petersburg und den bron-
zenen Kannen und Tiergeftalten der ruffifchen
Sammlungen Bobrinskoy und Polowtzoff, die
den Ausgangspunkt aller Studien über die Me-
tallkunft Perfiens bilden müffen.

Das wichtigfte Denkmal der bildenden Kunft
in der frühislamifdien Zeit lernen wir aus Mufils
Hufnahmen nach den Malereien des Schloffes
Quseir Hmra in der fyrifchen Wüfte kennen.

Im allgemeinen ift natürlich Perfien durch
befonders viele und prächtige Erzeugniffe ver-
treten. In der Keramik ift vor allem der Befiß
der armenifchen, in Paris anfäffigen Antiquare
an neueren Funden aus Raghes, Sultanabad,
Veramin ufw. zu nennen, der einige große
Überrafchungen bringt und wahrfcheinlich bald
in europäifche und amerikanifche Sammlungen
wandern wird. Unter den Teppichen find alle
wichtigen Typen vorhanden; der Jagdteppich
aus dem Befitje des Kaifers von Öfterreich bildet
hier den Mittelpunkt des Intereffes. Von außer-
ordentlicher Bedeutung ift der Beftand an
figürlichen und ornamentalen Stoffen, großen-
teils aus ruffifchen Sammlungen, zwei befonders
fchöne Stücke aus der Kaiferlichen Rüftkammer
in Moskau. Die Buchkunft kann man in all
ihren einzelnen Zweigen (Einbände, Kalligraphie,
Miniaturen) vortrefflich kennen lernen. Hier ift
ein Sammelband von Skizzen und Miniaturen,
die z. T. noch ins 14. Jahrhundert hinabreichen,
der Bibliothek des Sultans gehörig, als die wich-
tigfte Leihgabe zu bezeichnen.

Unter den taufchierten Metallarbeiten (fog.
Moffulbronzen) fehlt faft keines der durch die
Äusjtellung im Mufee des Arts decoratifs von
1903 bekannt gewordenen Stücke aus Parifer
Privatbepß. Wir nennen hier ferner das Becken
des Herzogs von Hrenberg und das aus dem
Kaifer Friedrich -Mufeum in Berlin. Eine Reihe
von Kannen mit Relieffchmuck aus dem 11. bis
12. Jahrhundert zeigt noch die Nachwirkung
faffanidifcher Traditionen.

Waffen und Rüftzeug, bis in die Mongolen-

zeit zurückreichend, kommen ebenfalls vortrefflich
zur Geltung; allgemeines Staunen erregen einige
Prunkftücke aus der Rüftkammer des ruffifchen
Kaifers, aus dem Staatsfchaße des Sultans und
aus öfterreichifdiem Hofbefiß. Sie vermitteln
den Übergang von Perfien zur Türkei, denn
im Intereffe einer einheitlichen Repräfentation
der Waffenkünfte find hier die Gruppen weniger
fcharf getrennt, und zumal die Räume, in denen
fpeziell „Erinnerungen aus den Türkenkriegen“
gezeigt werden, enthalten manches, was ftreng
genommen nicht dorthin gehörte. Im übrigen
ift die Türkei in der Buchkunft mit einigen fchö-
nen Handfchriften und Einbänden in der Keramik
mit einer großen Zahl von fogen. Damaskus-
und Rhodosfayencen, in der Textilkunft durch
viele ältere kleinafiatifche und anatolifche Tep-
piche, vor allem aber durch eine glückliche Aus-
wahl türkifcher Seidenftoffe, Sammete von Bruffa
und Skutari ufw., großenteils aus den bekannten
Sammlungen Stfchukin-Moskau und Kelekian-
Paris, recht würdig repräfentiert. Zwei holz-
gefchnißte feldfchukifche Türen (Ottomanifches
Mufeum, Konftantinopel und Kaifer Friedrich-
Mufeum, Berlin) verdienen wohl wegen ihrer
Seltenheit befondere Erwähnung.

Das große Fragezeichen in der islamifchen
Kunft ift für uns noch immer Syrien. Wir
wiffen, namentlich durch die engen Beziehungen
zwifchen Damaskus und Venedig, daß hier vor
allem im fpäteren Mittelalter das Kunftgewerbe
auf einer ungewöhnlichen Höhe geftanden hat,
aber wir haben fo wenig zuverläffige Angaben
über die Denkmäler felbft, daß wir vorläufig
noch genötigt find, die fyrifche Kunft ftets im
Zufammenhang mit den Nachbarländern zu be-
trachten. Sie ift auch darum auf unferer Aus-
heilung nicht als befondere Gruppe behandelt
worden. Im frühen Mittelalter fcheinen von
Mefopotamien her die Anregungen gekommen
zu fein. Das gilt mit ziemlicher Sicherheit für
die Keramik, die man in der Regel unter dem
Typus der Raqqa-Funde einreiht, und deren
vornehmfte Erzeugniffe die dunkelblauen Fay-
encen mit olivgrünem Lüfter waren. Drei Älba-
relli (einer aus dem Frankfurter Mufeum, ein
zweiter aus dem Befiß von Stora-Paris und der
dritte, von der Auktion Lanna her bekannt,
Eigentum von Rofenbaum-Frankfurt) find als
Meifterwerke diefer Technik anzufehen. Im
übrigen ift die fpeziellere, grün glafierte Raqqa-
ware fehr gut vertreten, ebenfo die braun gla-
fierte Fayence derfelben Provenienz. In der
Metalltaufchierung machte fich gegen Ende des
13. Jahrhunderts der Einfluß von Mofful geltend;
wir find aber bisher noch nicht imftande, die
fyrifchen Bronzen gegen die ägyptifchen der

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