Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 2.1910

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SAMMLUNGEN

größeren Schule nur mit gewiffem Vorbehalt zu-
erkennen. Ich glaube jedoch nicht fehlzugehen,
wenn ich in der übernatürlichen Körperlänge der
Figuren (einige meffen 7—8 Kopflängen) und
einigen Typen die fchwäbifche Schulung erkenne.
Als Datierung kann der Anfang des 16. Jahr-
hunderts angenommen werden.

Ein anderes intereffantes Werk, ein Interieur
von Joos van Craesbeeck, zeichnet fich durch
malerifche Äuffaffung und breite fkizzenhafte
Behandlung aus. Es ftellt, um einen Tifch herum
gruppiert, vier Soldaten und ein Mädchen dar.
Leßterem wird Wein angeboten, deffen Wirkung
nicht nur von den derben Kriegern, fondern
auch von einer alten, zum Fenfter hineinfchauen-
den Kupplerin beobachtet wird.

Äußer diefen Gemälden erhielt noch das Kunft-
mufeum von Herrn Dr. Stern ein mit „Johannes
de Heem f“ figniertes, ftreng gezeichnetes und
mit tiefen warmen Farben gemaltes Stilleben,
die Porträtgruppe einer holländifchen Familie
von Thomas de Keyfer und ein Kircheninterieur
von Emmanuel de Witte. Leßteres hat feinen
urfprünglichen Charakter durch Übermalung ein-
gebüßt. Das de Keyferfche Familienporträt ift
dagegen ein gut erhaltenes Werk, das die ob-
jektive Äufaffung und eingehende Charakter-
darftellung des Künftlers vorzüglich zur Schau
trägt. Z. T.

LONDON Die TATE GALLERY hat jüngft
u. a. die folgenden Werke zum Gefchenk er-
halten: „Oure Ladye of Good Children“ von
Madox Brown; „Monna Pomona“ von Roffetti;
„Portrait of a Gentleman“ von G. F. Watts;
„Panthers Refting“ von dem jüngft verftorbenen
J. M. Swan und „Oberon, Titania and Puck with
Fairies Dancing“ von W. Blake.

Die ART GALLERY in Melbourne, Äuftralien,
hat durch ihren europäifchen Vertreter, Mr. F.
Gibfon, vier bedeutende franzöfifche Werke an-
gekauft: „Le Berger“ von Baftien Lepage;

„L’Hiver“ von Puvis de Chavanne, eine fpätere
Verfion des gleichen Bildes im Hotel de Ville;
einen Delacroix und einen Fantin Latour. F.

MÜNCHEN EINTRITTSGELDER BEI DER
ALTEN PINAKOTHEK. Der Finanzausfchuß der
Reichsratskammer hat den Antrag der Regierung,
an vier Wochentagen bei der alten Pinakothek
Eintrittsgelder von 1 M. zu erheben, am 8. Juni
einftimmig angenommen. Audi das Plenum der
Reichsratskammer hat dem Antrag am 30. Juni
mit großer Mehrheit zugeftimmt. Die Erhebung
der Eintrittsgelder wird ab 4. Juli betätigt.

WIEDERERÖFFNUNG DER MAILLINGER-
SAMMLUNG. Am Sonntag, den 3. Juli, fand

die Wiedereröffnung der Maillinger-Samm-
lung mit einer neuen Serienausftellung, der 33.
der Gefamtfolge feit dem Jahre 1880, ftatt, wo
deren erfte anläßlich des 700jährigen Regierungs-
jubiläums des Haufes Wittelsbach veranftaltet
worden ift. Die neue Serienausftellung bringt
„Künftlerarbeiten aus der Zeit König Ludwigs I.
von Bayern“ (1825—1848). Von befonderem
Intereffe find die Serien von farbigen Litho-
graphien des gefamten ehemaligen deutfchen
Bundesheeres, gefertigt 1844 von Schlachten-
maler Dietrich Monten und H. Ä. Eckart, fowie
eine Galerie fämtlicher Fürften von Europa aus
jener Zeit, gleichfalls in farbigen Lithographien,
zum Teil nach Monten lithographiert von Kaifer,
Grether, Kofter u. a.

PARIS Die Mufeumskommiffion des Louvre
hat aus dem Nachlaß des Bildhauers A. Dumont
zwei Büften erworben: die eine ftellt Antonie
Coypel dar und ift ein beglaubigtes Werk von
Coyzevox, die andere ift das Porträt des jüngeren
Bruders Coypel Nicolas von J. B. Lemoyne.
Anna Coypel, die Schwefter der beiden Bild-
hauer, heiratete 1712 Frangois Dumont, Mitglied
der königl. Kunftakademie. Coyzevox war der
Trauzeuge bei diefer Ehe. Kurze Zeit vor diefer
Hochzeit hat Coyzevox diefe Büfte gefchaffen.
Im Jahre 1730 arbeitete Lemoyne, der damals
26 Jahre alt war, das Porträt des jüngeren Ni-
colas. Die eine Büfte ift noch ganz im Stil
Ludwigs XIV. gehalten, während die zweite
fchon deutlich die Rokoko-Äuffaffung verrät.

PETERSBURG Der KAISERL. ERMITAGE
wird in kurzem eine fehr reichhaltige Sammlung
verfchiedenartiger, maffiver Goldfchmuckfachen
einverleibt werden, welche im Kaukafus in der
Nähe der Stadt Stawropol, beim Graben eines
Gemüfegartens gefunden wurden. Der Schaß
wog faft ein Pud und repräfentiert als Gold-
wert den Betrag von ca. 50000 M. Nach der
recht primitiven Ausführung der Schmuckgegen-
ftände — Halsketten, Ohr- und Armringe —
zu urteilen, ftammen diefelben wahrfcheinlich aus
dem Anfänge des Mittelalters.

Ferner hat die kaiferl. Ermitage die bekannte
Gemäldefammlung des Senators Herrn P. P. Se-
menow-Tjanfchansky für den Gefamtpreis
von 250000 Rubel erworben. P. E.

ROM Die Unterfuchungskommiffion für das
Unterrichtsminifterium hat u. a. vorgefchlagen:
1. einen adminiftrativen Generaldirektor zu
ernennen, 2. einen Zenfus des ganzen archäolo-
gifchen und künftlerifchen Befißes Italiens durch-

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