Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 2.1910

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VERMISCHTES

Trauer, daß folch ein Werk in wenig Wodien
verfchwunden ißt, eine Änlage, fo feierlich und
edel, wie man feit langem eine Mufikhalle, einen
Konzertraum für Berlin erfehnt, das außer Schin-
kels Singakademie auch nicht einen einzigen
Saal befißt, der für klaffifche Mufik eine würdige
Stätte wäre. Daneben, ebenfalls von Behrens
der Bau des „Vereins deutfcher Kalkwerke“, vor
ihm ein von hoher Mauer (die gefchickt zur
Darftellung der verfchiedenen Verpußarten ufw.
benutzt ift) umzogener, vertiefter Garten mit Baffin
in der Mittelachfe. Ein Haus der Kalkfandftein-
fabriken, zweiftöckig, klar gegliedert, mit pracht-
voll feft auffißendem Dach ift gleichfalls von
Behrens errichtet, in dem wir wohl fraglos zur-
zeit den erften und bedeutenden Meifter er-
blichen dürfen, wenn es gilt, Nußbauten mit dem
denkbar geringften Aufwand an allem Über-
flüffigen, einfach durch die Größe und Reinheit
der Zeichnung zu einem Kunftwerk zu geftalten.
Das zeigen in der vom Werkbund veranftalteten
Sonderausftellung von Abbildungen künftlerifch
guter Fabrikbauten feine Entwürfe für die Tur-
binenfabrik der Allgemeinen Elektrizitäts-Gefell-
fchaft wie für deren Fabrik in der Brunnenftraße
zu Berlin, aufs deutlichfte. Noch mandien anderen
bemerkenswerten Bau weift die Ausftellung auf;
das Haus der Kruppfchen und Wolffchen Werke,
den reizenden Pavillon des „Träger-Verkaufs-
Kontors“, um den fehr gefchickt eine Zahl mit-
einander verbundener Träger aufgeftellt ift
(Architekten Taut & Hoffmann, Berlin) und das
Gebäude der Cadiner Werkftätten in Anlehnung
an Florentiner Villen von Hart & Leffer ent-
worfen. Ähnlich wie vor Jahren im Garten des
Berliner Kunftgewerbe-Mufeums ift auch hier —•
das ift höchft lobenswert wieder eine Fried-
hofsanlage nach den Angaben von Profeffor
Seeck gefchaffen, mit einer Fülle von guten Grab-
fteinen, Urnen, Kreuzen und Wandbrunnen, von
Künftlern wie 0. Wagner-Bremen (Urnenftelen),
Reg.-Baumftr. Bräuning (Urnen) Krückeberg, Ber-
noulli (Wandbrunnen), Kupfch, Henning,Schmarje
und anderen. Das prächtige fchmiedeeiferne
Kreuz in der Mitte ftammt von Profeffor Seeck.

Auch unter den in den Ausftellungshallen dar-
gebotenen Dingen ift manches künftlerifch fehr
bemerkenswert: die vorzüglich angeordnete Koje
der „Ofeninduftrie Velten“, geleitet von Bruno
Möhring, mit ganz famofen, einfach-behaglichen
Kachelöfen, wie die kräftig-frifchen Erzeugniffe
der „Unterelfäffifchen Toninduftrie“, die wirk-
liche gute Volkskunft darftellen, find befonders
hervorzuheben. Die Cadiner Sachen kranken,
von dem fchönen, in voriger Nummer erwähnten
Tafchnerfchen Brunnen abgefehen, durchweg an
der unfruchtbaren Nachahmungstendenz nach

Florentiner Terrakotten oder Robbiamadonnen.
Und was man von Originalen fieht, Reliefs von
Felderhoff, Manzel oder Baumbach, Fliefen-
malereien von Heydel und Seeben, ift denn doch
leider gar zu fchlecht. J. Sievers.

BERLIN Verteilung derEhrenpreife der
Stadt Berlin auf der Großen Kunftaus-
ftellung. Die zu Gebote ftehende Summe von
12000 M. ift in vier gleichen Teilen an die Maler
Profeffor Schulte im Hofe, Hans Loofchen,
Franz Staffen und an den Bildhauer Rein-
hold Felderhoff vergeben worden. Es ift natür-
lich, daß die Verleihung diefes Ehrenpreifes, als
einer der mageren Leitungen unferer Stadt auf
dem Gebiet der Kunftpßege befondere Beachtung
findet und zu näherer Betrachtung der ausge-
zeichneten Werke Anlaß gibt. Schulte im Hof
hat drei Porträts ausgeftellt, die zwei Männer-
bildniffe (van ’tHoff und Theodor Simon) find
gute Durchfchnittsleiftungen, das Bildnis feiner
Gattin, ein vor allem koloriftifch entfchieden
feines Bild, das in Anordnung und Äuffaffung
erfreulich von der Schablone — die am Lehrter
Bahnhof noch immer unerhörte Triumphe feiert —
abweicht. Unverftändlich dürfte die Ehrung der
Loofchenfchen Kohlecartons bleiben. Die „Hy-
giea“ (unter einem Baum reicht eine junge Frau
einem Mann die Trinkfchale) ift geiftlos und
langweilig und von der äußeren Größe abgefehen,
ohne jede monumentale Wirkung. Man hat
nur nötig, fich auf dem Abfaß herumzudrehen,
um vor den Cartons von Puvis de Chavannes
Vergleiche anzuftellen, die für Loofchens trockene
Mache fehr fchmerzlich ausfallen. Mit dem
zweiten Werk „Arbeit“ geht es nicht beffer, die
gebückte Geftalt des Mannes erinnert obendrein
noch in einer geradezu fatalen Weife an Cour-
bets „Steinklopfer“ in der Dresdner Galerie.
Dann kommt Staffen mit einer Reihe von Par-
fifalzeichnungen und Rheingold-Lithographien.
Diefer Künftler ift rettungslos in die, wie man
denken follte, jeßt begrabene Prachtwerksillu-
ftration hineingeraten, denn anders kann man
jene mit einer beklemmenden Genauigkeit ge-
zeichneten und gezirkelten Blättern mit ihren „ftil-
vollen“ Umrahmungen nicht auffaffen. Leider
wirds mit der gekrönten Plaftik nidit beffer,
Felderhoffs Diana ift ein fo akademifch, nichts-
fagendes Gipswerk, wie man es nur irgendwie
nidit wünfchen kann. —Welche Gefichtspunkte
bei der Preis verteilung mit wirkten, kann man nicht
beurteilen, künftlerifche find es aber leider nur
fehr wenig gewefen, das Gegenftändliche fcheint
zum mindeften eine große Rolle gefpielt zu haben.
S di ade, daß die Stadtväter fo fchwadi beraten
find. J. Sievers.

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