Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 2.1910

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EINIGE ERZEUGNISSE DER BERLINER
PORZELLÄNMflNUFÄKTUR UND IHRE

VORBILDER Mit 16 Abbildungen / Von C. F. FOERSTER

Da eine umfaffende Publikation über die Berliner Porzellanmanufaktur bisher immer
noch nicht erfchienen ift, und die Porzellanliteratur auch fonft diefer Fabrik nur
laues Intereffe entgegenbringt, ift bisher wenig über die von ihr benutjten Vorbilder
veröffentlicht worden. Nur Adolf Brüning hat in feinem Buche „Porzellan“1 Ausführ-
licheres über diefes Thema gebracht, nachdem er fchon früher in einem Artikel über
„Kupferftiche als Vorbilder für Porzellan“2 die Art, in der in Berlin Stiche nach
Watteau benutjt wurden, an einem Beifpiel illuftriert hatte. Hier follen nur einige
tgpifche Beifpiele der Benutjung fremder Vorbilder verfchiedener Art gezeigt werden;
Beifpiele, die mehr der günftige Zufall als fyftematifches Suchen ans Licht gebracht
hat. Denn da man in Berlin, wie anderswo, feine Vorbilder zu nehmen pflegte, wo
man fie gerade paffend fand, ift es ein [ehr undankbares Bemühen, fie durch
Suchen finden zu wollen, zumal das Material, foweit es fich um Kupferftiche handelt,
unendlich mannigfach und nirgends recht gefammelt ift.

Man kann ohne Übertreibung behaupten, daß mit wenigen Ausnahmen alles,, was
in der Berliner Manufaktur an figürlicher Malerei produziert worden ift, auf Kupferftich-
vorbilder zurückgeht. Für die fchon von Meißen gepflegten und auch fonft überall be-
liebten „Watteaufiguren“ gaben hauptfächlich das Juliennefche Kupferftichwerk nach
Watteaus Gemälden und Zeichnungen, fowie Stiche nach Lancret, Boucher und anderen
Kiinftlern derfelben Richtung die Vorlagen. In der Berliner Manufaktur haben fich derartige
Stifhe noch erhalten, die auf große Pappen aufgezogen find, „und zwar fo, daß ge-
wöhnlich ein größererStich von mehreren kleineren umgeben ift“3. Aus diefen ftellten
die Porzellanmaler ihre Gefchirrdekorationen zufammen, indem fie einzelne Gruppen
oder Figuren aus einem Stiche herausgriffen und in eine felbftändig erfundene
landfchaftliche Umgebung brachten, die in die weiße Fläche des Porzellans allmäh-
lich verläuft und fich der Form des Gefäßes anfchließt. ln fpäterer Zeit, etwa
gegen die achtziger Jahre des 18. Jahrhunderts hin, wird die Darftellung noch mit
einer runden oder ovalen Umrahmung aus leichtem, mit Bändern und Blumen um-
wundenen Stabwerk in Gold und Farben umgeben. Charakteriftifch für die freie und,
bis zu einem gewiffen Grade, künftlerifch felbftändige Art, die Vorbilder zu benußen,
ift, daß vielfach die einzelnen Figuren verfchiedenen Stichen entnommen oder auch
entlehnte mit felbfterfundenen vereinigt find, fo daß eine Identifikation mit den Vor-
lagen oft kaum durchzuführen ift. Wie bei dem von Brüning in dem genannten Auf-
fafee angeführten Beifpiel (einer Kanne mit eifenroter Malerei nach dem Crepyfchen
Stich „La Perfpective“ nach Watteau4), ift die farbige Watteaufzene der hier ab-
gebildeten Kanne (Abb. 1) aus der Sammlung des Herrn Dr. v. Dallwiß, Berlin, einem
einzigen Stiche, der „Lepon d’Amour“ von Dupuis nach Watteau (Abb. 2) entnommen.
Die beiden Nebenfiguren des Bildes, das fixende und das Rofen pflückende Mädchen,
find fortgelaffen; die drei Hauptfiguren find etwas zufammengerückt und in der oben

1 „Porzellan von Adolf Brüning“, Berlin 1907 (Handbücher der kgl. Mufeen).

2 „Kupferftiche als Vorbilder für Porzellan“, von Adolf Brüning, in „Kunft und Kunfthand-
werk“, VIII. Jahrg. Heft 1. Wien 1905.

3 Brüning, „Kupferftiche ufw.“ (f. o.) S. 24.

1 Früher in der Sammlung Clemm, jefet im Berliner Kunftgewerbemufeum; zu einem dem General
Fouque von Friedrich dem Großen gefchenkten Service gehörig (a. a. 0. S. 26/27).

Der Cicerone, II. Jahrg., 16. Heft. 40

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