Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 2.1910

Seite: 569
DOI Heft: DOI Artikel: DOI Artikel: DOI Seite: Zitierlink: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/cicerone1910/0634
Lizenz: Freier Zugang - alle Rechte vorbehalten Nutzung / Bestellung
0.5
1 cm
facsimile
FUNDE UND ENTDECKUNGEN » PERSONALIEN

entfprechen. Es muß jedoch hervorgehoben
werden, daß Vergil in feiner Aufzählung der
italienifchen Heere die Picener nicht nennt, ob-
wohl der gegenwärtige Fund, die verhältnis-
mäßig hohe Entwicklung ihrer Zivilifation, felbft
in der homerifchen Epoche (8. bis 9. Jahrhundert
v. Chr.) beweifen kann. Br.

GUBBIO Die von Conte Dr. Umberto Gnoli
im Dom zu Gubbio freigelegten, Timoteo Viti
zugefchriebenen Fresken [teilen laut brieflicher
Auskunft des Entdeckers in einer Lünette Gott-
vater in der Glorie und zwei ruhende weibliche
Geftalten dar. Über dem Altar der Kapelle
befand [ich früher das bekannte Gemälde Timo-
teo Vitis, das die hl. Maria Magdalena darftellt
und jeßt über dem zweiten Altar links im Dome
hängt. Rechts und links von dem jeßt leeren
Raum, den einft das Altarbild einnahm, find in
fehr befchädigtem Zuftande noch die in Fresko-
technik von Timoteo Viti ausgeführten Geftalten
der Äpoftel Petrus und Paulus erhalten. Der
Erhaltungszuftand der Lünette wird von Dr.
Gnoli als ein vorzüglicher bezeichnet. Photo-
graphien der Fresken können erft angefertigt
werden, nachdem das Minifterium die Erlaubnis
zum Niederreißen der Mauer erteilt hat, welche
die Kapelle bisher den Blicken entzog. B.

PIENZÄ In Camprena, dicht bei dem Ex-
klofter S. Anna, hat man kürzlich in einem
Grabe aus römifcher Zeit Gefäße und Münzen
gefunden. Die gefundenen Gegenftände find
durch den Infpektor der Monumente Pienzas,
Canonico G. B. Mannucci, der Florentiner Äuf-
fichtsbehörde für Altertümer zur Verfügung ge-
teilt worden. B.

PISÄ Beim Abbruch eines alten Haufes in
Piazza S. Paolo all' Orto ift in einer Tiefe von
1,7 m ein römifcher Sarkophag mit Skulpturen-
fchmuck, wahrfcheinlich aus dem dritten Jahr-
hundert, gefunden worden. B.

SÄUMUR In der Abteikirche zu Fontevrault,
begründet durch Robert d’Ärbriffel im 11. Jahr-
hundert, berühmt durch ihre Königsgräber, hat
der Reftaurator A. Magne vier neue Gräber der
Plantagenets entdeckt und bloßgelegt.

SIENÄ Durch einen Teil der italienifchen
und deutfchen Preffe ging kürzlich die Notiz
von der Entdeckung eines Freskobildes Pietro
Lorenzettis, in einem zu der Kirche S. Fran-
cesco gehörigen Kohlenraum. Nach einer durch
den Reftaurator Domenico Brizi erfolgten Säu-

berung kamen die traditionellen Figuren der
Beweinung Chrifti zum Vorfchein, die den toten
Chriftus umfaffende Madonna, der Lieblings-
fcbüler und Maria Magdalena. Auf eine brief-
liche Anfrage antwortete der Infpektor der
Sienefer Galieria dell’ Äccademia, Dr. Giaco-
mo De Nicola, daß es fich, wie zuerft Mrs.
Perkins erkannt habe, nicht um ein Werk
Lorenzettis, fondern des Vecchietta handle.
De Nicola beabfichtigt, das Fresko demnächft zu
publizieren. B.

TOURS In der Kirche Sainte Radegonde im
hiefigen Departement hat Henri Guerlin ein
bedeutendes Gemälde von Le Sueur entdeckt.
Das Bild ftammt, wie das Journal des Ärts mit-
teilt, aus Marmontier, wo es 1715 in der Ka-
pelle von Saint-Benoit aufgehängt war. Bis
1785 ging es unter Namen von Le Sueur. Dann
wurde es von Jollain für falfch erklärt, während
tatfächlidi nur einige Übermalungen von frem-
der Hand auf dem Bilde nachzuweifen find, das
zur Serie: die Meffe von Saint-Martin gehört.

PERSONALIEN

BERLIN Der langjährige Leiter der Reichs-
druckerei, Geheimrat Roefe, der fich um die
Entwicklung der künftlerifchen Reproduktions-
technik die größten Verdienfte erworben hat,
gedenkt in den Ruheftand zu treten. Svs.

STRÄSSBURG Am 12. Auguft ftarb hier
Adolf Michaelis, der verdienftvolle Profeffor
für Archäologie an der hiefigen Univerfität. Seit
Begründung der Straßburger Hochfchule (1872)
hatte Michaelis als Vertreter feines Faches dem
Lehrftuhl derfelben angehört. Er war Schüler
von Otto Jahn und legte wie diefer entgegen
jeder einfeitigen Spezialifierung vor allem Wert
auf die Zufammenhänge zwifchen Philologie und
Archäologie. In dem archäologifchen Mufeum
der Univerfität, deffen Errichtung das ureigene
Verdienft von Michaelis ift, hat er eine mufter-
gültige Anftalt gefchaffen, obwohl fie an Um-
fang noch hinter mancher anderen deutfchen
Sammlung zurückfteht.

Als Hauptwerke des Gelehrten feien kurz ge-
nannt: „Der Parthenon“, „Äncient Marbles in
Great Britain“ und zahlreiche Einzelunterfuchun-
gen über die Akropolis. An ein nicht rein fach-
männifches Publikum wandten fich die „Archäo-
logifchen Entdeckungen im neunzehnten Jahr-
hundert“, in denen M. die Gefchichte der Archäo-
logie entwickelt hat. Durch die Bearbeitung des

569
loading ...