Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 2.1910

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DER CHINESISCHE GESCHMACK DES
18. JAHRHUNDERTS IN FRANKREICH

Mit 6 Abbildungen, davon 2 auf einer Tafel Von L. DESHAIRS, Paris

Seit 20 bis 30 Jahren zählt die Kunft Japans viele Freunde in Europa; wir ver-
geben [ogar ein wenig zu [ehr, was fie China Jchuldig ift. Im 18. Jahrhundert
dagegen war befonders China bekannt. Unjere Kunftliebhaber Juchten um die Wette
[eine Porzellane und Lackgegenftände, die unjere Künjtler nachmachten oder deren
Verzierung Jie fich zum Vorbilde nahmen. Deshalb Jah man auch über ein Jahrhundert
lang in den nach der Mode eingerichteten Wohnungen überall Chinefen: Jo in Ge-
mälden und Tapeten, auf Standuhren, Feuerböcken und Wandleuchtern, auf Tafel-
gefchirr und auf Möbeln. Ja, bis in die Gärten hinein, wo vielfach Pagoden Jtanden,
drangen die Erinnerungen an das Reich der Mitte.

Jene berühmte Vorliebe haben die Schriftfteller, die fich mit der Kunft des 18. Jahr-
hunderts befaßten, häufig hervorgehoben und ftudiert.1 Es mußte darum nicht
weniger intereffant fein, Zeugniffe davon zu Jammein, und zwar diesmal nicht mehr
in Büchern, Jondern in Äusftellungsfälen. Das hat nun auch neulich in Paris das
„Musee des Ärts decoratifs“ mit großem Erfolg getan. Doch konnten die Veranftalter
der Äusjtellung kaum danach trachten, einen vollftändigen Begriff des chinefifchen
Gefchmacks in ganz Europa zu geben: es wäre dies eine endlofe Arbeit gewefen.
Obwohl fie weder die holländifchen Fayencen, noch das fächfifche und englifche Por-
zellan und die Brüffeler Tapeten außer acht ließen, nahmen fie doch ihre Mufter und
Beifpiele vornehmlich aus Frankreich.

In Wirklichkeit beginnt die Einfuhr der Kuriofitäten des äußerften Orients in unfern
Gegenden weit vor dem 18. Jahrhundert. Sie fand Jehon im Mittelalter Jtatt und
wurde Jehr rege, als die Portugiefen den Weg nach Indien über das Vorgebirge der
guten Hoffnung entdeckt hatten. Später wurde durch die Gründung der Oftindifchen
Gefellfchaften in England (1599), in Holland (1602) und in Frankreich (1664) unfer
Verkehr mit Äfien häufig und regelmäßig und von da ab verbreiteten fich die ge-
blümten Stoffe, die Lackgegenftände und die Porzellane über den europäifchen Markt
in hinreichender Zahl, um von der Mode aufgenommen zu werden. Schon Mazarin,
ein emfiger Sammler, verfchmähte es nicht, ihnen in feinem Kabinett neben den Meifter-
werken Italiens einen Plafe einzuräumen. Noch mehr liebte Jie Ludwig XIV. So hatte
er in Verfailles, im Jahre 1669, nach La Fontaines Äusfage, ein Zimmer und ein
Kabinett, tapeziert und möbliert mit „einem Stoff aus China, voll von Figuren, welche die
ganze Religion diefes Landes repräfentieren“. Im folgenden Jahre ließ er einen kleinen
Palaft bauen, deffen Verzierung aus Fayencen und weiß und blauem Stuck an die
chinefifchen Bauten gemahnte, nämlich das Porzellanene Trianon; und als diefer
reizende Palaft verfchwand, erhielt das Große Trianon, welches an die Stelle trat,
einen Teil der 1686 von der berühmten fiamefifchen Gefandtfchaft mitgebrachten Schäle.

1 Siehe insbefondere: Havard = Dictionnaire de l’ameublement, unter dem Wort Chine;
Molinier = Le Mobilier au XVIR el au XVIIIe siede; Roger Marx = Etudes sur 1 Ecole franpaise
11903; Laske: Der oftafiatifdie Einfluß auf die Baukunft des Abendlandes, vornehm-
ich in Deutfchland, 1909; R. Graul = Oftafiatifche Kunft und ihr Einfluß in Europa,
1906; Cordier = La Chine en France au XVIIIe siede, 1910. Herr R. Koechlin hat der
Äusjtellung, die wir hier befpredien wollen, einen wichtigen Artikel in der Gazette des Beaux-
Ärts, Äuguft 1910, gewidmet. Ein fchönes Album von 80 Platten, herausgegeben von der Librairie
centrale des Beaux-Ärts unter der Leitung des Herrn Guerin, foll das Andenken an diefe Aus-
heilung bewahren.

Der Cicerone, II. Jahrg., 21. Heft. 51

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