Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 2.1910

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AUSSTELLUNGEN

terftimmungen voll Wucht und Charakter, als
ftörend empfindet man daran vielleicht eine ge-
wiffe Monotonie der Himmel und die manchmal
zu flächige Wirkung feiner Landfdiaftsperfpek-
tiven. Trotzdem aber ift Willroider als einer
unferer allerbeften Landfchaftler zu betrachten,
der nebenbei noch dazu von einer erftaunlicher
Fruchtbarkeit war. THÄNNHAUSERS MODERNE
GALERIE IM ÄRCOPÄLAIS veranstaltet gegen-
wärtig eine der fchönften Revuen, die fie, durch
die ftets ein frifcher und lebendiger Zug geht,
uns feit langem zu bieten hat. 33 Arbeiten
Camille Piffaros, und nahezu ein Dutjend von
Alfred Sisley zieren die Wände des Oberlicht-
faales; eine Kollektion, die durchwegs erftklaffige
Werke der beiden Parifer Impreffioniften bringt.
In manchem berühren beide uns heute bei-
nahe fchon altmodifch, infonderheit würde man
manches Motiv heute wohl großzügiger und ver-
einfachter auffaffen, tief verehrungswürdig aber
und als eine ernfte Mahnung an die heutige
Generation erfcheint ihre Hingebung an die
Dinge, deren geradezu reftlofe Durchdringung
bis aufs innerfte Wefen. Hand in Hand damit
geht ein klarer, ordnender Geift. Piffaros Ent-
wicklung läßt fich aus den gegebenen Proben
klar erkennen. Das frühefte der vertretenen
Werke, „laroute“ von 1863, fowie andere zeigen
ihm noch auf Manets Spuren, dann folgen Stücke,
die fich der Art Renoirs nähern und gegen Ende
der 80 er Jahre zum direkten Pointillismus führen.
Letzterer bildet aber nur eine Epifode im Werde-
gang des Meifters, denn fchon um 1890 herum
beginnt jener abgeklärte, reife und zufammen-
faffende Stil, der feinem Eigenften entfpringt und
hier in einer Reihe von dunftigftem Licht er-
füllten Parifer Anfichten fich zeigt. Das leßte
Bild des Künftlers ift aus dem Sterbejahr 1903.
Erftaunlich ift, von welcher Frifche und Vitalität
gerade die leßten Arbeiten des mehr als Sieb-
zigjährigen noch erfüllt find. In der Kollektion
Sisley läßt fich die Entwicklung nicht fo detailliert
verfolgen. Man fieht eigentlich nur zwei Sisleys
in einigem Kontraft fich einander gegenüber-
ftehen, den frühen, zarten und mehr lyrifchen
und den epifcher empfindenden, aber nach Farben-
differenzierung Strebenden der Spätzeit. Alles
ift da nur mehr Farbe aus reinftem malerifchen
Empfinden heraus. Bei WALTHER ZIMMER-
MANN macht man die Bekanntfchaft eines jungen
tüchtigen Darmftädter Malers A. Beyer, der fehr
vielfeitig fich gibt, fein Beftes aber vorderhand
noch in ein paar kleineren Blumenftilleben ent-
wickelt. Weniger fagen die großen Figuren-
ftücke zu, die ihn in keckem Wagemut als mit
allerhand Licht- und Farbenproblemen fich
herumfchlagend erweifen. Intereffante Arbeiten

zeigt der Radierer H. Barthelmeß vor, Radie-
rungen von ftark malerifchem Gehalt; Sieg-
mund Landfinger reiht fich ihm mit feinen fo-
genannten Monotypdrucken an, Schöpfungen die
technifch ähnlich wie farbige Lithographien
wirken, künftlerifch aber einer tüchtigen, älteren
Naturanfchauung entfpringen. Famos ift eine
Serie Radierungen des verftorbenen S. L. Wen-
ban, eines Amerikaners,'-, der in München tätig
war- M. K. Rohe.

PÄRIS Die Societe nationale des Beaux-Arts
in Paris bereitet für das nächftejahr im Schlöß-
chen BAGATELLE eine Äusftellung der Sou-
veräne und Staatshäupter von 1800 bis auf die
Gegenwart vor. G.

WIEN In diefem Monat haben die drei großen
Künftlervereinigungen„Künftlerhaus“,„Sezeffion“
und „Hagenbund“ ihre z. T. recht umfangreichen
Herbftausftellungen eröffnet. Daneben jagen ein-
ander in rafcher Folge und in ftetem Wechfel
die kleineren Darbietungen der Kunftfalons
Miethke, Heller und Ärnot, denen diesmal z. T.
fchon nach den Namen der Äusfteller ein fehr
erhöhtes Intereffe zukommt (bei Miethke: Klimt,
bei Arnot: Rajfaelli). Bevor man diefer Fülle
der Erfcheinungen gerecht zu werden verfucht,
ift für diesmal fchon der chronikalen Vollftändig-
keit halber vorerft der Bericht über einige klei-
nere Ausheilungen von untergeordneter Be-
deutung nachzutragen, die kürzlich gefchloffen
worden find.

Die GALERIE MIETHKE brachte als erfte
Veranftaltung diefes Winters eine Kollektivaus-
ftellung des in der Wiener Gefellfchaft fehr ge-
fchäßten Radierers Ludwig Michalek, Pro-
feffors an der k. k. graphifchen Lehr- und Ver-
fuchsanftalt, die neben einer Anzahl der bekann-
teren graphifchen Arbeiten des Künftlers auch
zahlreiche Zeichnungen und Gemälde enthielt
(u. a. eine gute Kopie nach einem Selbftbildnis
Rembrandts).

Bei HELLER waren durch kurze Zeit eine
kleine Zahl von Bildern und Skizzen des be-
kannten Mufikers Arnold Schönberg zu fehen,
der fich dem Vernehmen nach erft feit ganz
kurzer Zeit auf dem Gebiete der Malerei ver-
fucht. Freund und Feind waren in gleicher Weife
bemüht, diefe Äusftellung des auch als Mufiker
vielumftrittenen Künftlers zu einem fenfationellen
Ereignis zu machen, auch auf dem neuen Kunft-
gebiet einen „Fall Schönberg“ zu konftruieren.
Meines Erachtens mit Unrecht. Das Befremd-

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