Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 2.1910

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AUSSTELLUNGEN

Bild der Ausheilung fcheinen mir die „Champs
Elyfees“, die dem Stile und wohl auch derEnt-
ftehungszeit nach etwa dem „Tuileriengarten“
verwandt fein dürften, der kürzlich in derfran-
zöfifchen Äusftellung des Leipziger Kunftvereins
zu fehen war.

Die zweite „Humoriften“-Äusftellung, die bei
ÄRNOT unmittelbar auf Raffaelli folgte, fchließt
fich der analogen Veranftaltung des vorigen
Jahres würdig an. Wiederum weift der Katalog
in der reichen Lifte bekannter Parifer Illuftrato-
ren (J. Cardona, Fernand Fau, Kuhn-Regnier,
Nam, Poulbot [etwa an Zille erinnernd], Sem
u. v. a. m.), felbft Namen wie B. Boutet de
Monvel (der freilich einigermaßen aus diefem
Rahmen fällt), Leandre und Willette auf. Be-
fondere Beachtung verdienen die reizvollen Ori-
ginal-Lithographien Jean Vebers; fie zeitigen
Berührungen mit der Kunft Forains, der wenig-
ftens mit einem Blatte hier vertreten ift. Zu
den Parifer Kollegen gefellen fich auch einige
Öfterreicher, fo der Budapefter Vadäsz, die Wiener
Ruffell und Michl (diefer aus dem Hagenbunde
bekannt). Daneben fieht man amüfante Holz-
fkulpturen von Barwig und Zelezny. — Gleich-
zeitig veranftaltet der Kunftfalon Pisko eine
Gedächtnis-Äusftellung der bekannten Simpli-
ziffimus-Zeichner Wilke und Recnizek, deren
Nachlaß in den leßten Jahren bereits in zahl-
reichen deutfchen Städten gezeigt worden ift.

Die GALERIE MIETHKE, deren Leitung fich
bereits durch ihre Publikation Klimtfcher Gemälde
— fo fehr fich auch der wundervolle Reichtum
diefer einzigartigen Maler-Palette jedweder Re-
produktion zu wiederfeßen fcheint — ein blei-
bendes Verdienft erworben hat, vermittelt uns
nun den Genuß der Arbeiten des Künftlers aus
der leßten Zeit. Die wenigen ausgeftellten
Gemälde — ausgenommen etwa das „Familie“
genannte Bild — dürften kaum einen wefentlichen
Plaß im GEuvre des Meifters beanfpruchen;
diefe Landfchaften und Porträts erfcheinen z. T.
als Gelegenheits-Schöpfungen, die feine Eigenart
mitunter nicht frei von einer gewiffen fchema-
tifchen Erftarrung zeigen. Ein Künftler vom
Range Klimts hat eben das Recht, mit dem
höchften Maßftabe d. h. hier auch an feinen
eigenen Leitungen gemeffen zu werden; fo gilt
diefe Einfchränkung zunächft im Vergleich mit
den wundervollen Bildern, die zuleßt in der
Äusftellung der „Kunftfchau 1908“ zu fehen
waren. Dafür ift man der Galerieleitung zum
größten Dank verpflichtet, daß fie den herrlichen
Zeichnungen Klimts ihre Räume zu freiefter
Verfügung geftellt hat. Auf die Bedeutung diefer
Zeichnungen kann nicht nachdrücklich genug

hingewiefen werden. Sie bergen eine uner-
fchöpfliche Fülle an rein künftlerifchen Werten.
Klimt hat fich vor allem den nackten Frauen-
körper zum Gegenftand feines Studiums gewählt.
In raftlofer Arbeit zeichnet er ein und dasfelbe
Modell, bis jeder Strich fißt, bis die kühnfte
Verkürzung zwingend verlebendigt ift. Das
Äuge ermüdet niemals, der riefelnden und doch
fo wunderbar ficheren Linie Klimts entzückt zu
folgen. Erfchiene einem auch hie und da ein-
mal ein Stellungsmotiv allzu gefucht, fo ver-
fchwindet bald jeder Widerftand, da die ftrenge
Sachlichkeit der Darftellung, die von aller
Künftelei freie unbedingte Ehrlichkeit des Sehens
zur willenlofen Gefolgfchaft zwingt.

Unter diefen Zeichnungen finden fich zahlreiche
Darftellungen fchwangerer Frauen, ferner Modelle
in Stellungen, die man gemeinhin als „gewagt“
bezeichnet; fo kann es einen nicht wundern,
daß man auch anläßlich diefer Äusftellung von
Klimts „gelegentlichen Spaziergängen ins Porno-
graphifche“ lefen oder hören muß, — ein Vor-
wurf, deffen Widerlegung an diefer Stelle an
fich unnötig und nach dem Gefagten vollends
überflüffig erfcheint. Klimt gilt im Auslände
fchon feit einigen Jahren als „der“ repräfen-
tative Wiener Maler. [Nur ganz nebenbei fei
an die einmütige Begeiferung erinnert, die
Klimts Bilder in der diesjährigen internal Kunft-
ausfteliung in Venedig hervorgerufen haben.]
Sind nun hierzulande die Stimmen der Naderer
und Banaufen, die Hermann Bahr feinerzeit in
dem amüfanten Büchlein „Gegen Klimt“ (1903)
zu einem mißtönenden Chor vereinigt hat, noch
keineswegs verftummt, fo find fie doch etwas
leifer geworden — eine Vorficht, die freilich
kaum einer tieferen Einficht entfpringt. Kann
man dem Künftler in rein künftlerifcher Hinficht
nur fchwer beikommen, fo hilft man fich jeßt
eben in jenen Kreifen, die die fogenannte
öffentliche Meinung zum Ausdruck bringen, nach
wie vor mit den altbewährten Phrafen von
„perverfer Erotik“ und dgl. Jeder ernfthaft
Kunftwillige aber beugt fich in bewundernder
Verehrung vor dem raftlos an fich arbeitenden
Künftler, der ftill und von Lob und Tadel un-
beirrt auf dem fteilen Wege zur Meifterfchaft
fortfchreitet. K. R.

ZÜRICH Die erfte graphifche Äusftellung im
KUPFERSTICHKABINETT des Kunfthaufes bietet
eine Anzahl Zeichnungen des Zürcher Künftler-
gefchlechtes Füßli. Die Blätter find intereffante
Beiträge zur Gefchichte fchweizerifcher Kultur
und Kunft vom 16. bis ins 19. Jahrhundert.
Nicht weniger als fieben Füßli find da vertreten,

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