Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 2.1910

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ÄNTON G RHFF1736—1813 zur Ausstellung

BEI EDUARD SCHULTE von fbhnz ländsbeegeb

Das „menfchliche Jahrhundert" hat einmal Schiller das 18. Jahrhundert genannt und in
der Tat war niemals der Menfch [ich fympathifcher, der Drang nach Geselligkeit
größer, der Hang zur Einfamkeit [eltener. Wenn heut, am Beginn des 20. Jahrhunderts,
gerade diefer Zug neues Verftändnis findet, fo ift es, weil man, befonders in den
großen Städten, das Bedürfnis fühlt, die gewaltige Menfchenanfammlung zur Gefell-
fchaft zu organifieren und aus einer Anhäufung von „einfamen Menfchen" wohlgeglie-
derte Gruppen herauszulöfen. Als Symptome diefes Strebens, wenn auch noch fo geringe,
darf man die englifche Porträtiften- und jefet die Graff-Ausftellung bezeichnen, die Ed.
Schulte unter Leitung von Herrn Prof. Julius Vogel veranftaltet.

Ein Vergleich drängt [ich auf. Die englifche Aufteilung ließ uns einen Blick in eine
Gefellfchaft tun, die in London tatfächlich vorhanden war. Die Frauen, als die Pflege-
rinnen aller feineren Gefelligkeit, waren in der Mehrzahl. Mit ihren Kindern und deren
Gefellfchaft, den Hunden, fchloffen fie [ich wohl zu kleinen Gruppen zufammen, aber diefen
Familienbildniffen fehlte die intime, abfchließende Wirkung; man war Familien- und
Gefellfchaftsmenfch in einem. — Die Menfchen der Graff-Ausftellung wirken auch als eine
große Gefellfchaft, aber diefe Gefellfchaft hatte keine konkrete Exiftenz. Die Dargeftellten
wohnten in Leipzig, Dresden, Weimar, Berlin ufw.; örtlich getrennt, konnten fie nur eine
Art „unfichtbarer Kirche bilden“. In diefer rein geiftigen Gemeinfchaft führten die Männer
die Herrfchaft; für Kinder und gar für Hunde war kein Intereffe, da fie als geiftige Per-
fönlichkeiten keine Rolle fpielten. So kommt auch das Familienbild feltener vor; wenn es
aber auftritt, fo ift es weit exklufiver, von der Gefellfchaft abgetrennter, fpielt auch nicht in
der freien Landfchaft, fondern im traulichen Zimmer. Um diefer „unfichtbaren Kirche“
einen äußeren Ausdruck zu verleihen, griff man zur Porträtgalerie. Hier konnte man,
wenn auch nur im Bilde, eine erlefene Gefellfchaft zufammenberufen; und wie der Dichter
Gleim im Freundfchaftstempel zu Halberftadt einen folchen Kreis um [ich fcharte, an deffen
Zuftandekommen auch Graff beteiligt war, fo führte der Leipziger Buchhändler Reich
den Plan einer Porträt-Gefellfchaft berühmter Zeitgenoffen aus, und hier war Graff der
Hauptlieferant.

Diefe Galerie nach Berlin gebracht zu haben ift eines der Hauptverdienfte der Aus-
ftellungsleitung, die überhaupt mit unermüdlichem Fleiße alles nur irgend Erreichbare ge-
fammelt hat. Die Schwierigkeiten, den über ganzDeutfchland und die Schweiz verftreuten
Privatbefij} ausfindig zu machen, müffen enorm gewefen fein; fie haben Jahre erfordert,
deren Arbeit zuweilen dem Spürfinn eines Detektiv nicht ganz unähnlich gewefen fein
mag. So find alle Schaffensperioden des Künftlers vertreten; die erfte bis ca. 1770 etwas
[chwächer, weil davon vieles verloren, verfchollen oder wohl auch unfigniert ift; ebenfo die
der achtziger Jahre, weil das Winterthurer Mufeum feine Schälje bewahrt hat. Dagegen ift
die Spätzeit des Künftlers das erfte Mal genügend vorhanden, um darauf ein Urteil gründen
zu können. Die 180 Porträts bilden immerhin erft ein Achtel feiner Gefamtproduktion.

Die Qualität der ausgeftellten Werke ift außerordentlich verfchieden, und man möchte
an der Eigenhändigkeit manches Bildes zweifeln (z. B. der Nr. 26 Ramler und Nr. 168
Sulzer), wenn nicht gewichtige Gründe dagegen fprächen. Graff hat oft feine Werke
nicht beffer als ein geringer Kopift vervielfältigt, befonders wenn er im Alter Jugendwerke
kopierte. So ift von den Leffing-Porträts das Leipziger Bildnis vorzüglich, das Berliner
Exemplar nicht mehr ganz fo gut und die Züricher Replik herzlich fchwach. Von den
Forfter-Porträts fcheint mir das Bild im Befitj von Ed. Schulte am ftärkften, während das

Der Cicerone, II. Jahrg., 2. Heft. 4 47
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