Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 2.1910

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EIN ZWEITER MEISSNER SCHMERZENSMANN LUCAS CRANACHS

ganz übermalt, nichts von dem überlieferten Blau zeigend. Von den Kinderengeln mit
Marterwerkzeugen waren die meiften überarbeitet. Auch Johannes hatte fich manche Ver-
befferungen im Kopfe gefallen laffen müffen.

Ich habe nun diefe fpäteren Zutaten entfernt und mich nur auf eine Ergänzung der
ausgefprungenen Stellen befchränkt.“

Vor derReftauration fah die Tafel jedenfalls fo aus, daß man fie als eine fehr fchlechte
Kopie des Hauptbildes vom Altar Georg des Bärtigen (Flechfig 124) kaum beachtete. Jefet
fieht man, daß es fich um eine gute Wiederholung des Altarbildes aus derfelben Werk-
ftatt handelt. Befonderes Intereffe beanfprucht das Werk meines Erachtens deshalb, weil
es einen Einblick in die Arbeitsweife der Cranachfchen Werkftatt nach 1519 gewährt.
Das Bild ift nämlich nicht vollendet worden.

Die Entftehung fcheint fich mir bei genauer Unterfuchung fo darzuftellen: Ein Gehilfe
hat das Dombild kopiert und es roh fertig gemacht. Dann hat ein Meifter — denn man
hat fich wohl die Söhne Cranachs je von einem gewiffen Zeitpunkt an als helfende Meifter
in feiner Werkftatt zu denken — die Gehilfenarbeit vorgenommen, um fie zu vollenden.
In unferem Falle ift die le^te Durcharbeitung aber nicht zu Ende gekommen. Fertig ge-
worden ift nur das Geficht Chrifti. Es ift im Gegenfaj} zu den beiden anderen in feinen
grauen Tönen forgfam durchmodelliert. Schon das Ohr fcheint aber außerhalb diefer Be-
arbeitung zu liegen und bei dem Haupthaar hat die letjte Hand nur angefangen; das ift
vor allem an den auf der linken Schulter liegenden Partien deutlich zu fehen. Die Art,
wie das Ohr modelliert ift, gleicht der im Geficht des Johannes, befonders in feiner Stirn
erkennbaren Weife. Die Lichter auf der Stirn find geradezu falfch und ziemlich roh in
weißlichen Tönen auf rötliche Fleifchfarbe aufgefe^t. Die Augen ftehen nicht ganz richtig
im Geficht und in den zurückliegenden, links der Nafe fichtbaren Teilen kommt das Zu-
rückfliehende, die Verkürzung, nicht zum Ausdruck, was im Original viel mehr auffällt
als auf unferer Abbildung. Die Meifterhand hat mit der Malerei diefes Kopfes anfeheinend
nichts zu tun gehabt. Beffer ift der Mariens weggekommen, in welchem die Mund- und
Kinnpartie wieder fehr fein modelliert ift. Überdies ift die Nafe, die vordem dicker war,
durch eine kräftige, ficher gezogene braune Linie an der Schattenfeite korrigiert worden.

Das führt zu den zeichnerifchen Verbefferungen, von denen die meiften fchon vor
dem letzten Farbenauftrag vorgenommen worden find. Dafür zeugen einige deutlich ficht-
bare Pentimenti. So kann man fehen, daß das linke Auge des Johannes in der urfprüng-
lichen Zeichnung tiefer gefeffen hat, daß der Nafenflügel kräftiger und daß die linke Hand
des Schmerzensmannes fchon anders gemalt gewefen ift: der kleine Finger ift länger ge-
wefen, der vierte hat weiter rechts gefeffen.

Vergleichen wir unfere Tafel mit dem Meißner Dombild, fo fällt bei vollkommener
Gleichheit der Kompofition die Verfchiedenheit der Köpfe auf, die fich nicht nur auf die
drei Hauptfiguren, fondern auch auf die Schar der Engelchen erftreckt. Der Chriftus-
kopf ift auf unferem Bilde, abgefehen vom Ohre, zweifellos richtiger gezeichnet als auf
dem Dombild. Vor allem aber ift es ein ganz anderer Chriftuskopf: Die Nafe zeigt eine
leichte Krümmung, die auf der Tafel im Dom ebenfowenig zu fehen ift wie bei dem
Dresdner oder dem Bremer Schmerzensmann. Unfer Kopf ift weicher aufgefaßt; der
Schmerz kommt in ihm nicht fo ftark zum Ausdrude wie in dem des Domaltars. Dafür
liegt in feinen Augen mehr Sinnen, das fich zum trauervollen Fragen verdichtet, wenn
man fie länger anfieht. — Während Cranach fonft wohl faft ftets aus dem halb-
geöffneten Munde das Weiß der Zähne hervorfchimmern läßt oder den Mund fo weit

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