Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 2.1910

Page: 269
DOI issue: DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/cicerone1910/0315
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
EIN ZWEITER MEISSNER SCHMERZENSMANN LUCAS CRANACHS

öffnet, daß dies fichtbar wird, ift hier nur das Rot der Zunge zwifchen den Lippen an-
gedeutet.

Mir fcheint diefer Chriftuskopf noch einmal vorzukommen: Auf dem Bilde Chriftus
und die Ehebrecherin in Annaberg (abgeb. bei Schmidt, Die St. Annenkirche zu
Annaberg, Leipzig 1908, Tafel XVII). Nach Flechfig (ebda. S. 149) ift das ein Werk Lu cas
Cranachs des Jüngeren und fo ift die Meifterhand, die an unferem Bilde mit gearbeitet
hat, vielleicht die des jüngeren Lucas. Daß er dieTafel unvollendet gelaffen hat, ift wohl
der Grund für das Fehlen jeglicher Signatur.

Was die Datierung anbelangt, fo glaube ich, wie gefagt, daß das hier reproduzierte
Werk nach dem im Meißner Dom befindlichen entftanden ift. Diefes zeigt die Jahreszahl
1534, die aber Flechfig (imText zu dem Tafelwerk) anzweifelt. Nach meinem Dafürhalten
ift fie fchon, abgefehen von hiftorifchen Gründen, unficher, weil die 3 und ein Teil der 4
auf einer Stelle ftehen, wo die urfprünglicheFarbfchicht abgeblättert war und der dadurch
entftandene Schaden durch Überftreichen nicht ganz ausgeglichen worden ift. Bei der
Ausbefferung kann dann die 34 irrtümlicherweife hingefeljt worden fein. Aber für unfer
Bild dürfte wohl die Zeit um 1534 in Betracht kommen.

269
loading ...