Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 2.1910

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DENKMALPFLEGE UND STÄDTEBAU ° PERSONALIEN

den nicht ziehen, da es fich evident um dort
im Mittelalter zufammengeführten Schutt handelt.

Hm 19. Äpril fand man im Garten des Pa-
lazzetto einen fpätantiken römifchen fragmen-
tierten Sarkophag mit dem Relief eines Löwen,
der einen Hirfch überfällt. Der Sarkophag ftand
in dem Hofe eines mittelalterlichen Baues und
diente damals als WafTertrog. LudwigPolIak.

VENEDIG Die bereits im Jahre 1904 für Re-
ftaurierungen der venezianifchen Bauten be-
ftimmten 600 000 Lire find verbraucht und eine
weitere Million wurde genehmigt. Eine große
Summe wird für die Markuskirche verwendet
und zwar für die baufällige San Äiigio-Ecke.
Im Saale des Großen Rats im Dogenpalaft wer-
den an Stelle der Bücherfchränke Rücklehnen,
wie dies urfprünglich war, angebracht. Bereits
hergeftellt wurden die Wohnräume des Dogen
und das archäologifche Mufeum. Br.

VERONÄ Hier wurden auf Koften des Staates
und der Gemeinde Reftaurierungen vorgenom-
men und zwar in den Kirchen S. Fermo Mag-
giore, S. Änaftafia, S. Maria in Organo, S. Gio-
ranni in Valle, S. Celfo, S. Bernardino im Ge-
famtbetrage von 60000 Lire. Br.

VICENZÄ Die Stadt Palladios ift in Gefahr,
durch die Neuerungsfucht einiger Spekulanten
eine empfindliche Einbuße an ihren monumen-
talen Baufchöpfungen zu erleiden. Um eine neue
Trambahnlinie ausführen zu können, hatte man
befchloffen, eines der alten Stadttore an der
Straße nach Padua zu zerftören, das alte Hr-
fenal der venezianifchen Republik, das zugleich
mit dem Teatro Olimpico Palladios von dem
zinnengekrönten Caftello di S. Pietro einge-
fchloffen ift, zum größtenTeile niederzureißen und
die Porta del Caftello, mit dem hohen Turm des
Trecento, welchen die Scaligeri zur Verteidigung
der Straße nach Verona errichtet hatten, dem
Untergange zu weihen. Das Hrfenal und die
Porta del Caftello bilden, wie jedem Befucher
Vicenza bekannt, den Ausgangspunkt und den
Äbfchluß des prächtigen Corfo, in ähnlicher Weife,
wie in Florenz Via Tornabuoni durch die Paläfte
Äntinori und Spini-Ferroni abgefchloffen wird.
Die Zerftörung des Ärfenals und der Porta del
Caftello würde Vicenza der markanteften mittel-
alterlichen Monumente berauben. Es ift daher
mit befonderer Freude zu begrüßen, daß Camillo
Boito, Hdolfo Venturi und Luigi Cavenaghi im
Aufträge der „Giunta Superiore delle Belle Ärti“
nicht nur der Zerftörung Einhalt geboten, fondern
auch, wie wir einer Mitteilung der Zeitfchrift
„Marzocco“ vom 17. Äpril entnehmen, gleich-

zeitig eine wiffenfchaftliche Unterfuchung der
altehrwürdigen Baudenkmäler in die Wege ge-
leitet haben, welche hoffentlich zu einer folge-
rechten Wiederherftellung der Porta del Caftello
und des Turmes der Scaligeri führen wird. W. B.

PERSONALIEN

BERN An Stelle des demiffionierenden Herrn
Widmer wurde Dr. Wegeli, bisher Adjunkt am
fchweizerifchen Landesmufeum, zum Direktor
des Hiftorifchen Mufeums in Bern ernannt. Herr
Widmer bleibt dem Mufeum in anderer Stellung
erhalten. J. C.

LEIPZIG Dr. Walther R. Biehl, der mit
einer größeren Studie über „Das toskanifche
Relief“ befchäftigt ift, geht vom 1. April als
Volontäraffiftent an das hiefige Kunftgewerbe-
mufeum. St.

LONDON Am 2. April ftarb, hochbetagt, nach
längerem Kränkeln, einer der bedeutendften
fchottifchen Landfehafter, der in London und auf
dem Kontinent nicht genügend gekannt und ge-
würdigt war:William Mc.Taggart. Erwar vor
allem der Maler des Meeres, das zu fchildern er
nicht müde wurde. Was er als folcher geleiftet.und
wie gradlinig feine Entwicklung als Maler von
Licht, Luft und Waffer gewefen, konnte man
vor ein paar Jahren auf der Schottifchen National-
Äusftellung in Edinburg erkennen. Da er fich
aber wie einft Raeburn von Londoner Aushei-
lungen meift fern gehalten, dürfte es auch Jahre
währen, bis fein Ruhm die Grenzen feiner enge-
ren Heimat überfchritten hat. Auf jener Aus-
heilung fah man Bilder aus den frühen fechziger
Jahren, die Mc. Taggart als felbftändigen Er-
oberer moderner Licht- und Luftprobleme er-
wiefen.

Einige Tage nach dem Hinfcheiden Mc. Tag-
garts ftarb, hochbetagt, ein zweiter fchottifcher
Maler, Sir W. Q. Orchardfon, der auch in
Deutfchland wohlbekannt ift. Orchardfon wurde
1835 in Edinburg geboren und ftudierte gleich-
zeitig mit dem kühnen Koloriften und Roman-
tiker John Pettie im Htelier Robert Scott Lauders,
der für die moderne fchottifche Malerfchule eine
ähnliche Bedeutung hat wiePiloty für München.
Orchardson kam dann nach London (1863) und
erhielt für fein Bild „The Challenge“ einen Preis.
Im gleichen Jahre (teilte er „Hamlet und Ophelia“
in der Royal Academy aus, ein Bild, das heut-
zutage dadurch befonderes Intereffe hat, daß es,
wohl zum erften Male, ftatt einer hiftorifchen

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