Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 2.1910

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ENTDECKUNGEN

VOLTERRÄ Der erzbifchöfliche Palaft, der
im Inneren und Äußeren ganz verbaut ift, foll
demnächft auf Koften des Erzbifchofs und des
Kultusminifteriums nach einem Entwurf des
Architekten Cefare Spighi vom Ufficio Regionale
wenigftens im Äußeren ftilgerecht wieder her-
geftellt werden.

ENTDECKUNGEN

BELMONTE PICENO Im weiteren Ver-
laufe der höchft wichtigen, von dall’ Offo ge-
leiteten Ausgrabungen fand man Ende April im
Beifein des früheren Generaldirektors der Alter-
tümer Barnabei eine Reihe anderer Gräber und
unter ihnen ein fehr intereffantes, dem 7. Jahr-
hunderte v. Chr. angehörendes. Neben dem
Skelette des Kriegers lagen die Bronzerefte feines
Kriegswagens und des Pferdezaumes und in der
Mitte des Grabes einige Bronzevafen. Die Ge-
meinden Fermo und Ascoli Piceno wollen eine
jede die Sdbä^e diefer Grabungen in ihren Mu-
feen unterbringen. L. P.

FLORENZ Das von den Davizzi im 14. Jahr-
hundert erbaute, nach feinen fpäteren Befißern
meift Palazzo Davanzati genannte Gebäude in
via Porta Rossa, das vor vier Jahren in ganz
verwahrloftem Zuftande von dem Antiquar Elia
Volpi erworben wurde, ist nunmehr nach einer
gründlichen und geglückten Restauration gegen
eine Eintrittsgebühr für jedermann zugänglich.
Der Palaft wurde dadurch, daß er in den Befilj
wenig vermögender Leute gekommen war, die
zu koftfpieligen Umbauten nicht die Mittel be-
faßen, vor dem Schickfal aller anderen großen
trecentiftifchen Privathäufer bewahrt, wenn nicht
abgeriffen, fo doch im Innern gänzlich trans-
formiert zu werden. Er hatte in der lebten Zeit
kleinen Leuten zur Behaufung gedient. Die
großen Säle waren durch eingezogene Wände
in viele kleine Räume verwandelt, die alten
Wandmalereien und Holzdecken übertüncht und
überfchmiert worden. In dreijähriger geduldiger
Arbeit wurden diefe Einbauten entfernt, die
Tünche und Ölfarbe von den alten Soffitti und
Türen abgekraßt und die trecentiftifchen Wand-
dekorationen von den öfters vier oder fünf dar-
überliegenden Intonacofchichten befreit. Mit viel
Verftändnis und Gefchmack hat Herr Volpi alten
Hausrat aufgekauft und die wiederhergeftellten
Räume des Palaftes damit ausgeftattet, der nun-
mehr die merkwürdigften Einblicke in die Lebens-
führung einer großen florentinifchen Familie des
14. Jahrhunderts gewährt. Von besonderem

kunftgefchichtlichen Intereffe find neben dem
Ärchitektonifchen vor allem dem wundervollen
Hof mit feiner Außentreppe, die erwähnten de-
korativen Fresken des erften und zweiten Ge-
fchoffes. Völlig unbekannt war uns diefe Art
von Dekoration allerdings nicht. Nach den
Freskenfragmenten, die bei der Demolierung
des fogenannten Centro in das Mufeo di S. Marco
übertragen worden waren, konnte man fich
immerhin eine vage Vorftellung davon machen,
wie ein profaner trecentiftifcher Innenraum aus-
gefchmückt war. Die Wanddekorationen des
Palazzo Davanzati zeigen nun meift folgendes
Schema: Unter dem Soffitto laufen rings um
das Zimmer herum fingierte, von Konfolen ge-
ftütjte Marmorarkaden, die ein Gebälk tragen,
auf dem fcheinbar die Decke ruht. An den
Konfolen find Eifenringe befeftigt, durch diefe
find dicke Schnüren gezogen, an denen in hori-
zontaler Lage eine Stange befeftigt ift, die den
bis zum Fußboden herabhängenden Teppich
hält. Über dem Teppich blickt man fcheinbar
unter den Arkaden ins Freie hinaus, auf eine
Gartenmauer, die mit großen Vafen voll Lilien
gefchmückt ift, oder auf blühende und frucht-
tragende Baumkronen, in deren Zweigen Vögel
fißen. In einem Zimmer pnd ftatt diefer illu-
sioniftifchen Durchblicke Szenen aus einem mittel-
alterlichen Roman dargeftellt. Es ift wohl anzu-
nehmen, daß diefe Art von Innendekoration
nicht fpezififch florentinifch, fondern auch im
übrigen Italien bekannt war. Wir haben hier
offenbar die Vorftufe zu Werken wie Mantagnas
Ausfchmückurig der Camera degli Sposi in Man-
tua vor uns. Die oberen Gefchoffe haben keinen
Freskenfchmuck, hier waren, wie die erhaltenen
Eifenringe zeigen, die Wände mit wirklichen
Teppichen bedeckt. Zum Schluffe fei noch einiger
Infchriften gedacht, die neben Karikaturen und
den üblichen Obfzönitäten mit Kohle an die Wand
gefchrieben find. Sie find ein merkwürdiges
Zeugnis für die den Florentinern eigene Vorliebe,
ftadtgefchichtliche Ereigniffe chroniftifch feftzu-
legen. So lieft man beifpielsweij'e: „1478 —
Ä di 26 daprile fu morto Giuliano de Medici in
S. Maria del Fiore“ oder „A di 15 de luglio
1503 vene a Fiorenza il Gardenal de Sodarino.“
Ferner ift von einer erfreulichen Neuerung im
Vorhof der S. S. Anunziata zu berichten, wo
jene „Glashalle, welche der Küfter öffnet (Trkg.
30—50 c.)“ endlich abgebrochen worden ift.
Man hat jetjt den Vorhof felber mit matten
Glasscheiben, die auf einem eifernen Gerüfte
liegen, oben gefchloffen. Die Konftruktion er-
innert allerdings etwas fatal an Bahnhöfe, aber
immerhin präfentiert [ich doch der Raum jeßt
einigermaßen in feiner urfprünglidien Geftalt und

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