Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 2.1910

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DER KUNSTMÄRKT — von den äuktionen

Bevorstehende Äuktionen

VERSTEIGERUNG DER SAMM-
LUNG BOSSÄRD Äm Juli beginnt in
Luzern unter Leitung von Hugo Helbing, Mün-
chen, die Verweigerung der 1. Hälfte der Samm-
lung J. Boffard. Mehr als ein Menfchenalter
hat Boffard mitten im Äntiquitätenhandel ge-
ftanden, hat gekauft, verkauft und gefammelt
und fich dabei einen internationalen Ruf erworben
als kenntnisreicher Händler, aber auch als ein
mit feltenem Gefdimack begabter Kunftfreund.
Nun hat er pch entfchloffen fich von feinem
Antiquitätenbefitj zu trennen und hat Herrn
Hugo Helbing in München mit der Äuflöfung
feiner bedeutenden Kollektionen betraut. Die
Auktion der erften Abteilung findet am 4. Juli
in Luzern felbft ftatt. So international der
Charakter des Boffardfchen Gefchäftes war, fo
vielfeitig waren naturgemäß auch feine Sammler-
Neigungen und feine Erwerbungen. Der von
Hugo Helbing, wie Dr. E. Baffermann-Jordan
in der Vorrede Tagt, mit vorbildlicher Sorgfalt
redigierte Katalog gibt genauen Huffchluß über
die Reichhaltigkeit der vorliegenden Beftände. —
Das Milieu in dem Boffard tätig war, bringt
von felbft eine ftattliche Vertretung alter Schweizer
Kunft mit fich; namentlich Schweizer Möbel,
Schweizer Waffen, Glasmalereien und Scheiben-
riffe find quantitativ und qualitativ bemerkens-
wert, doch ift darüber das alte nicht fchweizerifdhe
Kunftgewerbe keineswegs vernachläffigt worden.
So figurieren zunächft bei der Keramik hübfches
Steinzeug, gute Majoliken und europäifche Por-
zellane, unter letjteren bemerkenswerte Arbeiten
bedeutender Manufakturen. Die Abteilung der
Silberarbeiten ift fehr reich, hier find vor allem
koftbare liturgifche Gefäße, Heiligenftatuetten und
ein fehr bemerkenswerter Hausaltar aus Silber
und Ebenholz erfte Hälfte des 17. Jahrhunderts
zu erwähnen, daneben findet man eine ftattliche
Reihe von Prunk- und Tafelgefchirr, Wand-
und Standleuchtern, reizenden Schmuckfchalen,
Dofen, Negeffaires und anderen Bibelots, auch
intereffanten Schmuck, namentlich eine kleine
Ringfammlung, die des Bemerkenswerten viel
enthält. Intereffe verdient ferner die Gruppe
der Arbeiten in Kupfer und Meffing, hier z. B.
eine Prunkkaffette aus bayerifch-kurkölnifchem
Befip und gute Äderlaßfchüffeln. Das Zinn ift,
wie dies bei einer derartigen Schweizer Samm-
lung zu erwarten ift, fehr gut vertreten. Eine
eigene bemerkenswerte Abteilung bilden die
alten intereffanten Beftecke. Nähere Würdigung
verdienen auch die Plaketten, dabei namentlich
die Arbeiten nadi Peter Flötner.

Umfangreidi find ferner die Abteilungen der
Arbeiten in Elfenbein, Horn, Schildpatt und
Perlmutter. Sehr fchöne Arbeiten finden fich
unter den Tapifferien und den alten Stickereien.
Die Waffen bilden eine kleine Rüftkammer für
fich, namentlich die kompletten Rüftungen, die
Helme, Schilde, Stangenwaffen darunter gute
Luzerner Hammer, Roßfchinder, Hellebarden und
Partifane und die Blankwaffen (gute Schwerter
bekannter Provenienz) dürften bei der gegen-
wärtigen Nachfrage nach echten alten Waffen
für den Markt eine bemerkenswerte Erfcheinung
bedeuten. Einen wichtigen Hauptbeftandteil der
Kollektion bildet die Abteilung der Möbel, hier
naturgemäß in erfter Linie fchöne und charak-
teriftifche Schweizer Arbeiten, der ein Anhang
guter Plafonds und Vertäfelungen folgt. Ölge-
mälde alter Meifter, Handzeichnungen und Aqua-
relle, Graphica, Bücher und Bucheinbände bilden
den Befchluß diefer Sammlung, deren Auktion
für Mufeen, Sammler und Händler ein Ereignis
bedeuten dürfte. Der eingangs erwähnte aus-
führlich befchreibende Katalog mit Vorwort von
Dr. E. Baffermann-Jordan, München, verfügt
über das ftattliche Äbbildungsmaterial von 54
Lichtdrucktafeln; derfelbe ift bei Hugo Helbing,
München, erfchienen und von dort zu beziehen.

LUZERN Die Auktion des Antiquitäten-
gefchäfts Boffard findet nicht, wie früher
beabfichtigt, im Juni ftatt. Der Beginn der Ver-
weigerung, die bekanntlich von Hugo Helbing
in München geleitet wird, ift nun auf den 4. Juli
angefefet; fie wird im Hotel Union zu Luzern
ftattfinden (fiehe oben die Vornotiz der Ver-
weigerung). Vom 26. Juni bis zum 3. Juli wird
die Sammlung im Boffardfchen Haufe an der
Weggisgaffe ausgeftellt. — Am 2. Juli wird auch
diefes Luzerner Patrizierhaus öffentlich verftei-
gert. Das Gebäude ftammt aus dem Anfang des
17. Jahrhunderts. Im 18. Jahrhundert war es Sip
der päpftlichenNunzien inderSchweiz. 1770wurde
es im Übergangsftil Louis XV. und Louis XVI.
renoviert. Die Faffaden, die mit reich ornamen-
tierten Erkern gefchmückt find, blieben fich gleich.
Das maffiv aus Stein gebaute Haus ift von be-
fonders reizvoller Einteilung undAbmeffung der
Räume. Vordergebäude und Hinterhaus grup-
pieren fich um einen Säulenhof. Auf drei Stock-
werke verteilen fich die Wohn- und Fefträume,
die heute, forgfam gepflegt und erhalten, mit
ihrem alten Mobiliar und Schmuck den Eindruck
eines Mufeums machen. Für einen Antiquar
ließe fich ein geeigneteres Gefchäftshaus kaum
denken. J- C.

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