Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 2.1910

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DIE JAPANISCHE KUNST AUF DER JAPANISCH-BRITISCHEN AUSSTELLUNG

In den Werken des Okyo Maruyama (1733—95), der der Hauptmeifter diefer neuen
Kunft ift, zeigt [ich eine andere Art von Naturnähe, als [ie die früheren Landfchafts-und Tier-
maler Japans angeftrebt hatten. Man möchte meinen, daß europäifche Einwirkungen hier
fchon im Spiele find. Der Wafferfall Okyos aus dem Befijj des Grafen Otani ift ein
grandiofes Werk, aber in anderen Bildern führt die realiftifche Tendenz fchon zu Banali-
täten, und was bei dem großen Meifter noch erträglich ift, das wird unter den Händen
geringerer Künftler leicht zu belanglofer Naturabfchrift. So ftehen die Affenbilder des
Sofen, die Bambusfproffen des Gofhun, die Rolle mit Tierbildern von Rofetfu fchon auf
der Grenze, und es gibt auch in diefer Ausftellung manches, was die Grenze überfchreitet.

Will man vollends jenfeits der Grenze ftehen, fo braucht man fich nur in die Säle der
modernen Japaner zu wagen, deren Werke verftändnislofe Variationen alter Vorbilder
find. Der Geift der klaffifchen Kunft Oftafiens ift diefen fpäten Epigonen völlig fremd,
geblieben ift ihnen nur die Handwerksübung, die fie befähigt, treffliche Kopien der alten
Meifterwerke zu verfertigen (wie fie der unermüdliche Verleger Tajima mit größter Sorg-
falt herftellen läßt), nicht aber die fchöpferifche Kraft zu erfefeen vermag. Es ift mehr
Leben in den auf europäifche Art gemalten Ölbildern als in den orthodoxen Tufchmale-
reien der jetjigen Japaner. Noch ftehen fie allerdings den europäifchen Vorbildern ziemlich
ratlos gegenüber, und es wird nicht leicht ein Japaner begreifen, warum wir nicht in
Nathanael Sichel und Bouguereau die größten modernen Maler verehren. Aber die Mög-
lichkeit einer Fortentwicklung fcheint doch eher noch in diefen europäifchen Bildern zu
liegen als in den Verfuchen einer Weiterführung der eigenen Tradition der Japaner.

Man kann das bedauern, aber es fcheint in der Logik der Entwicklung felbft begründet
zu fein und nicht erft eine Folge der jüngften Europäifierung des Landes. Freilich müßte
auch diefe allein mit Sicherheit alles zerftören, was von der alten Art etwa noch lebens-
fähig geblieben. Wie Wiffenfchaft und Technik fich europäifcher Schulung unterwerfen
mußten, um das Land zu befähigen, als ebenbürtiger Faktor in den Wettbewerb der
Kulturvölker einzutreten, — die Ausftellung in London will gerade das zum erften Male
in größerem Umfange dartun, — fo kann auch die Kunft fich auf die Dauer nicht dem
europäifchen Vorbilde entziehen, und man wird kaum fehlgehen in der Annahme, daß
eine neue japanifche Kunft, wenn fie entfteht, leider nichts anderes fein wird als ein
ferner Ableger der Kunft Europas.

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