Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 2.1910

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Befte Porträtmünze Cäfars
Großbronze von Lyon in Mailand

EINE IKONOGKAPHISCHE GYPSOTHEK*

Von E. H. STÜCKELBEHG, Bafel

In der Reihe der Mufeen, welche Sammlungen beftimmter Gegenftände vereinigt haben,
ift eine Lücke, deren Ausfüllung Kunfthiftorikern wie Archäologen, Gefchichts- und
Kulturforfchern gleich am Herzen liegen follte.

Wir meinen ein ikonographifches Mufeum, eine Sammlung von menfchlichen Bild-
niffen; hierbei haben wir Porträts von hiftorifcher, nicht von anthropologifcher, ethno-
graphifcher1 Bedeutung im Auge. Anfäfee dazu find fchon da und dort, aber ftets mit
befchränktem Programm aufgetreten; auch war der verfolgte Zweck in der Regel nicht
ein wiffenfchaftlicher. Schon im Altertum hat man beftimmte monumentale Bildniffe
zu Gruppen vereinigt, man hat Suitenmedaillen — wie die auf die konfekrierten Kaifer
geprägten Doppeldenare2 3— man hat Bilderbücher mit Kaiferbildniffen8 gefchaffen; die
chriftliche Epoche folgt mit Porträtreihen von Kirchenfürften an Kirchenwänden4 wie
in Büchern.5 * * In den neuern Jahrhunderten folgen Suitenmedaillen, monumentale und
befcheidene Bildnisferien in allen Staaten.

Nirgends aber wird als erftes Requifit aufgeftellt: die hiftorifche, ikonographifche
Treue; vielmehr wechfeln ungenau und fchlecht überlieferte Typen mit frei erfundenen
Köpfen.

1 Zwecke diefen Charakters verfolgen z. B. chinefifche Sammlungen des 6., 7., 10. und 18. Jahr-
hunderts n. Chr.

2 Einige abgebildet im Äuktionskatalog der Sammlung Imhoof-Blumer, München 1907, Taf. XX,
Nr. 1331, 1335, 1339, 1341.

3 Nach diefen Werken die Porträtbefchreibungen des byzantinifchen Gefchiditsfchreibers Malalas
Synkekes u. a.

4 Die Papftbilder in S. Paul vor den Mauern und in S. Maria Antiqua in Rom; Bifdiofsbilder
zu Ravenna.

5 Als Beifpiel fei der Codex mit den Bildern der Eichftätter Bifchöfe zitiert.

* Wir empfehlen diesen Beitrag der besonderen Beachtung der Fachgenossen, da die hier ge-
gebenen Anregungen auch für die neuere Kunstgeschichte sehr wohl diskutierbar sind. Gegenvor-

schläge usw. wird der Cicerone gern weiter der Öffentlichkeit übermitteln. Die Red.

Der Cicerone, 11. Jahrg., 13. Heft. 38

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