Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 2.1910

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SAMMLUNGEN

STUTTGART Im MUSEUM VATER-
LÄNDISCHER ALTERTÜMER ift vom 31. Juli
an für kurze Zeit Jerg Ratgebs aufs glück -
lichfte reftaurierter Schwaigerner Altar ausgeftellt,
eines der Hauptwerke der fchwäbifdien Malerei
aus dem Beginn des 16. Jahrhunderts. Ratgeb,
geboren in Gmünd, hat [ich, wie diefes 1509
datierte Werk beweift, in feiner Jugend zunächft
im fränkifchen Schwaben aufgehalten. 1514 kam
er nach Frankfurt, wo er in die Dienfte des
Patriziers Claus Stalburg trat, deffen Haus am
Kornmarkt er ausmalte. Die Bildniffe des Claus
Stalburg und feiner Frau Margarete aus dem
Jahr 1514, wohl die Flügel eines für Stalburg ge-
lieferten Ältares, befinden [ich im Städelfchen
Kunftinftitut in Frankfurt. Sodann malte er in
Frankfurt bis etwa 1525 das jeßt zur Zollhalle de-
gradierte ehemalige Karmelitenklofter aus. Von
den in Temperatechnik ausgeführten Wand-
bildern haben fidh einige in leidlichem Zuftand
erhalten. Mitten in diefe Tätigkeit fällt 1519
feine umfangreiche Ältarfchöpfung für die Kirche
in Herrenberg. Diefer Altar befindet fidi heute
in der Stuttgarter Ältertümerfammlung.

Die gleichzeitige Vereinigung der beiden
Hauptwerke des Jerg Ratgeb an einem Orte gibt
zu intereffanten Beobachtungen Anlaß. Man
fieht an dem bisher wenig bekannten Früh-
werke, dem Altar von Schwaigern, wie der
Künftler fich aus der allgemeinen Tradition des
beginnenden 16. Jahrhunderts heraus entwickelt.
Der Altar, von einer wundervollen Leuchtkraft
der Farben, ftellt auf der Mitteltafel das Mar-
tyrium der hl. Barbara auf Goldgrund dar, wäh-
rend die Flügel auf den Innen feiten links Chriftus
als Gärtner und die Himmelfahrt der Magda-
lena, rechts die Bekehrung Pauli zeigen. Auf
den Äußenfeiten fieht man die Äusfendung der
Äpoftel. Unverkennbar ift der Einfluß Hans Bai-
dungs. Ein wenig fcheint fich auch die Ein-
wirkung der Ulmer Schule bemerkbar zu machen;
doch übertreffen die Gemälde an Schönheit des
Kolorits alles was fonft in diefen Gegenden ge-
fchaffen worden ift; man muß bis zu Jerg Breu
und Burgkmair gehen, um farbig Verwandtes
aufzufinden. Im Gegenfaß zu diefem früheften
bekannten Werk des Künftlers zeigt der feit
langem wegen der Derbheit feiner Darftel-
lung bekannte Herrenberger Altar wefentlich
flaueres Kolorit bei ftarker Vorliebe für Licht-
effekte. Man hat angeßchts diefes Werkes, das
auf der Rüdefeite die Vermählung Mariä, Be-
Tchneidung Chrifti und den Äbfchied der Äpoftel,
auf der Vorderfeite Abendmahl, Verfpottung
Chrifti, Kreuzigung und Äuferftehung zeigt, an
eine Einwirkung Grünewalds denken wollen. Doch
ermöglicht es die Vereinigung der beiden Altäre,

nunmehr feftzuftellen, daß Ratgebs Stil fich logifch
aus der Kunft feiner erften Zeit weiter ent-
wickelt hat. B—m.

TRIEST Der unlängft hier geftorbene Kunft-
fammlerBaronSartorio vermachte dem Triefter
Kunftmufeum feine koftbare Sammlung, welche
unter anderm fehr zahlreiche Zeichnungen von
Tiepolo enthält. Man fchäßt den Wert der
Sammlung auf über eine Million Kronen.

WIEN Als Filialmufeum der Kunfthiftorifchen
Sammlungen des Kaiferhaufes ift jeßt der Ring-
ftraßenflügel der neuen Hofburg eingerichtet
worden und dürfte fchon in Kürze eröffnet wer-
den. Die neue Mufeumsabteilung enthält die
Aquarelle und Handzeichnungen (darunter den
Melufinenzyklus von Schwind); auch die Än-
tikenfammlung des Erzherzogs Franz Ferdinand
ift (aus dem Modena-Palais) in die neue Hof-
burg überführt und hier aufgeftellt worden.

AUSSTELLUNGEN

DIE SONDERBUND AUSSTELLUNG
ZU DÜSSELDORF Vom Sonderbund
weftdeutfeher Kunftfreunde und Künftler
wurde am 16. Juli im KUNSTPÄLÄST zuDüffeldorf
für drei Monate eine Äusftellung eröffnet, die für
das rheinifche Kunftleben von hiftorifcher Be-
deutung fein wird. Denn nach Äbficht der Be-
gründer, unter denen Ofthaus und Niemeyer in
Verbindung mit Düffeldorfer Künftlern und rhei-
nifchen Mufeumsvorftänden die organifatorifche
Arbeit taten, foll fie beweifen, daß auch in der
nordweftlidhen Ecke Deutfchlands ein gutes Stück
neuzeitiger Kunft gefchaffen wird, und daß auch
hier fruchtbarer Boden für Anregungen durch
auswärtige und fremde Meifter vorhanden ift.
Gefchickt vereinigt in hellen Räumen, die durch
Bevorzugung feitlicher Ausgänge für fich abge-
fchloffen find, führt diefe Äusftellung ein Stück
Entwicklungsgefchichte moderner Kunft in ge-
drängter und überfichtlicher Einheit vor Äugen.

Den Anfang machen die für Düffeldorf ge-
wohnten Namen der dortigen Impreffioniften,
aus deren Zufammentreten der Gedanke des Son-
derbundes entftand: Clarenbach, der diesmal
durch befonderen Reichtum an Motiven und
farbig lebendige Frifche auffällt, Breß, deffen
ruhiger Art fich Sch murr mit einigen klug und
forgfam abgewogenen Motiven anreiht, und
Deuffer, der in feinen beften Stücken fein
kühles Können zu Leichtigkeit und Frifche ftei-
gert, der aber in einer Reihe einfarbiger Aqua-
relle enttäufcht, die fich bei näherem Betrachten

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