Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 2.1910

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SAMMLUNGEN

rungen Ludwigs XVI., ein zweiter der Revolu-
tion und eine Reihe von Sälen der Belagerung
von Paris im Jahre 1870/71 gewidmet find.

DIE GEMÄLDERBTEILUNG DES LOUVRE
hat aus der Kirche Äigueperse für 200000 Fran-
ken einen heiligen Sebaftian von Mategna er-
worben. Im 15. Jahrhundert gehörte Äigueperse
zur Domäne des Haufes Bourbon. 1481 heira-
tete Gilbert de Bourbon, Comte de Montpensier,
Clara von Gonzaga, die Nichte des Marquis
Jean-Francois, der ein Freund und Förderer
Mantegnas war. Wahrfcheinlich hat damals die
junge Italienerin das Bild mitgebracht und der
Kirche von Äigueperse geftiftet; jedenfalls fteht
feft, daß diefes Gemälde feit Mitte des 16. Jahr-
hunderts in diefer Kirche hängt.

Dem KUNSTGEWERBE-MUSEUM ift eine
wertvolle Sammlung von italienifchen und fran-
zöfifchen Äpothekertöpfen aus dem 16., 17. und
18. Jahrhundert und eine Serie deutfcher Gläfer
aus dem 18. Jahrhundert gefchenkt worden;
ferner eine Kollektion holländischer Büchfen und
Dofen aus dem 18. Jahrhundert.

Neueren Meldungen zufolge foll die Samm-
lung Chauchard bis Anfang nächften Jahres in
dem Florapavillon des Louvre zur Aufteilung
gelangen.

Die neue Heizanlage im Louvre, für die im
vorigen Jahre 400 000 Franken bewilligt worden
waren, ift noch nicht erbaut worden, da die
Architekten und Ingenieure die Koften diefer
Anlage auf 4 000000 Franken fchäßen. Das
ift natürlich ein kleiner Unterfchied. Brauchte
man aber um das feftzuftellen ein volles Jahr?
Dabei befteht fortgefeßt die Gefahr, daß durch
die gegenwärtige, alte und unzureichende An-
lage ein großes Brandunglück entfteht. O. G.

ROM Durch die von Corrado Ricci energifch
betriebene fo verdienftvolle Durchführung der
Freilegung der Diocletianifchen Thermen und
die Verlegung des bis jeßt darin bepndlichen
Blindeninftituts hat das THERMENMUSEUM
eine Reihe prächtiger Räume gewonnen, die
eben von dem ungemein rührigen Direktor des-
felben, Roberto Parbeni, adaptiert werden.
Bisher waren im erften Stockwerk über dem
kleineren reizenden Cinquecentesken Kreuz-
gange, in deffen Garten fich früher die armen
blinden Kinder ergingen, nur wenige Zimmer
dem Mufeum eingeräumt, in denen hauptfäch-
lich die Fresken aus dem antiken Haufe bei der
Farnefina, dann die Replik des myronifchen
Diskobois aus Caftelporziano, die Hermen der
aurigae und andere kleinere Denkmäler aufbe-

wahrt wurden. Nun wird diefe Zimmerflucht
durch das ganze obere Stockwerk weiterge-
führt und Parbeni ftellt dort eine Reihe von
antiken Skulpturen, die früher in den kleinen
Mönchszellen des großen Kreuzgangs Michel-
angelos fchlechtes Licht hatten, auf, dann eine
Serie von griechifchen und römifchen Porträts
und einige dem Depot entnommene Denkmäler.
Unter den letzteren ragt durch befondere Fein-
heit ein kleines archaifdi-griechifches, vielleicht
ionifdies (ca. 500 v. Chr.) Marmorrelief aus
Velletri hervor, das ein Pferdewettrennen dreier
Jünglinge vorftellt. So klein das Relief ift, fo
wird es doch zum beften des an fo viel
Trefflichem reichen Mufeums gehören. In den
vier Parterrefeiten des kleineren Kreuzganges,
deffen Bogen durch Eifen- und Glasverfchalun-
gen gefchloffen werden, foll die Sammlung
Ludovifi zur Aufteilung kommen, die jeßt in
kleinen ganz unzulänglichen Räumen fteht.
Ferner wird ftatt der bisherigen unbequemen
und fchmalen zum erften Stocke führenden
Stiege eine breite bequeme Treppe angelegt. —
Die Freilegung der Thermen hat nicht bloß für
die Äußenfeite der ehrwürdigen Ruinen Neues
ergeben, fondern auch im Innern haben fich
nach Befestigung der fpäteren Einbauten über-
rafchende Refultate herausgeftellt, die uns die
Ruinen in anderem Lichte erfcheinen laffen.

Ludwig Pollak.

WIEN Wie einige Tagesblätter melden, foll
noch in diefem Jahre die feierliche Eröffnung
des NIEDERÖSTERREICHISCHEN LÄNDES-
MUSEUMS erfolgen, um deffen Zuftandekom-
men eine Reihe hiefiger wiffenfchaftlicher Ver-
eine feit langer Zeit bemüht waren. K. R.

AUSSTELLUNGEN

BÄSEL In der KUNSTHALLE veranftaltet
die Basler Künftlergefellfchaft eine, mit
nicht ganz 200 Nummern befchickte Herbftaus-
ftellung. Sind keine ungewöhnlich neuen oder
überrafchendenden Werke da, fo ift doch die
Gefamtqualität recht erfreulich. Rudolf Löw
bringt eminent dekorative Sachen, Th. Meyer-
Bafel feine, wenn auch kühl empfundene Land-
fchaften, Franz Krauß, Älbrecht Mayer, Robert
Strüdel originelle neben weniger ftarken Bildern.
Die ganz Jungen Ch. Oehler, Ammann und
Fiechter zeigen entfchieden künftlerifches Tem-
perament und fchönes Können. Ein Dußend
weitere Namen müffen wir hier übergehen; es
fei nur noch auf die kräftige, tief charakteri-

Der Cicerone, II. Jahrg., 22. Heft. 55

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