Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 2.1910

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DENKMALPFLEGE

von denen allerdings einige die Grenze künftle—
rifchen Dilettierens nicht merklich überfchritten.
Da der berühmtefte des Namens, der „Engländer“
Heinrich Füßli (1741 — 1825) hier fehlt, feffelt
wohl am meiften der derbe, etwas breitfpurige
Mathias I., deffen Landsknechte und Volks-
geftalten den tgpifchen Schweizerftil des ßeb-
zehnten Jahrhunderts repräfentieren; dann auch
der 1830 geborene W. H. Füßli, von deffen be-
deutendem Können mehr als achtzig Zeichnungen
auffchlußreiches Zeugnis geben.

Einer kleinen, von der Mufeumsleitung ver-
öffentlichten, Publikation über diefe Ausftellung
entnehmen wir, daß das Kupferftidikabinett der
Zürcher Kunftgefellfchaft nur in befondern Fällen
reproduktive Graphik erwirbt. Die glänzend
dotierte eidgenöffifche Sammlung im Polytechni-
kum vermag ja auf diefem Gebiete alles Wiin-
fchenswerte zu leiften. (Leider ift diefe Sammlung
dem Publikum immer noch fo gut wie uner-
fchloffen, da die Befuchszeiten zu fpärlich — und
die Ferien des Inftitutes zu reichlidi bemeffen
find!) Die Sammlung des Kunfthaufes wird
namentlich nach der Seite der Handzeichnungen
ausgebaut, die ßch in den leßten Jahren ftändig
mehren und zu einem wichtigen Dokumenten-
fchaße für alte und neue, befonders fchweize-
rifche Kunft anwachfen. Es fei darum an diefer
Stelle auf das Kupferftidikabinett im Zürcher
Kunfthaufe hingewiefen und um fo mehr, da
das eidgenöffifcheKupferftidikabinett keine Hand-
zeichnungen mehr fammelt. J- C.

DENKMALPFLEGE

LONDON Die alte Clifford’s Inn Hall, in
der nach dem großen, London faft völlig zer-
ftörenden Feuer im 17. Jahrhundert die Richter
die verfchiedenen Änfprüdie und Grenzftreitig-
keiten erledigten, ift in den Befiß der Society
of Knights Bachelors übergegangen und dadurch
erfreulicherweife vor dem drohenden Untergang
gerettet worden. 1618 war fie mit dem dazu-
gehörigen „Inn“ für £ 600 verkauft worden,
heute beträgt ihr Preis £ 100000. Längere Zeit
hindurch war die Halle das Heim der Art
Workers Guild gewefen, von deren Präfidenten,
William Morris, Walter Crane ufw., fidi noch
einige Zeichnungen in ihr beßnden. Diefe, fo
heißt es in der Ankündigung des Ankaufs durch
die obengenannte Society, werden vielleicht auf
ihren Pläßen bleiben „dürfen“.

Zum Andenken an den verftorbenen König
Eduard foll in London auf einem noch nicht
beftimmten Plaß ein Denkmal errichtet werden;
außerdem aber auch noch irgend ein anderes

Wahrzeichen, wofür dem betreffenden Komitee
nicht weniger als 150 Vorfchläge eingefandt wor-
den find. Die meifte Äusficht auf Annahme
foll der Vorfchlag des Lord Ävebury haben,
eine große Univerfitätsaula zu errichten, fodann
der Vorfchlag des Lord Esher, ein Hiftorifches
Mufeum für London nach dem Mufter des Car-
navalet Mufeums in Paris zu gründen. Noch
ift aber nichts entfchieden. Es fteht zu hoffen,
daß die Statue des Königs künftleriföher aus-
fällt als das feinem Vater errichtete barbarifche
Denkmal vor der Älberthalle.

Neben dem St. Paulsdome ift an der Stelle,
an der in alter Zeit ein Kreuz mit Kanzel ftand,
nun ein neues errichtet und kürzlich eingeweiht
worden. Es befteht in der Hauptfache aus einer
Säule mit Poftament, an dem die Kanzel ange-
bracht ift, und trägt eine Bronzeftatue des
Äpoftels. Die Säule, deren Stilmerkmale dem
Dome angemeffen find, ift 50 Fuß hoch und
wird von der gewaltigen Kuppel des Domes
faft erdrückt; nur von einer beftimmten Stelle
aus ift die Proportion zwifchen Säule und Ge-
bäude nicht ftörend. Man plant jeßt eine neue
Brücke über die Themfe, die zum Paulsdom
führen foll. Trotzdem nun das Royal Inftitute
of British Architects das betreffende Komitee
darauf aufmerkfam gemacht hat, von welcher
künftlerifchen Wichtigkeit es fei, die Brücke und
ihre Zufahrt in richtige Harmonie mit dem Dom
zu feßen, wird von Seiten des Komitees auf
diefe Seite der Angelegenheit gar nicht geachtet;
das kofte zu viel, heißt es einfach. Der fchon
ausgeführte Plan nimmt denn auch auf den Dom
nicht die gerinfte Rückficht. Und das nach der
eben in London abgehaltenen Städtebauausftellung
und -konferenz! F.

PÄRIS Das Louvre war ehemals von einem
tiefen Graben umgeben, der in fpäteren Jahr-
hunderten zugefchüttet worden ift. Mit ihm
verfchwand ein wertvoller Teil der alten Faf-
fade, die jeßt auf Anregung des Vereins „Die
Freunde der Parifer Denkmäler“ durch minifte-
rielle Verfügung freigelegt werden wird. Ein
Teil diefer Faffade ift bereits wieder fichtbar.
Charles Normand hat in den Archiven den Na-
men des Bildhauers Antoine Poiffau aufgefunden,
der den bildhauerifchen Schmuck der verfchüt-
teten Architektur entworfen und ausgeführt hat.

G.

PETERSBURG Eine„Gefellfchaft zum Schüße
und Konfervierung von Kunft- und Altertums-
denkmälern in Rußland“ hat fich hier mit fehr
umfaffendem Programm gebildet, welche alle in
gleicher Richtung wirkenden Inftitute und Per-

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