Pfälzer Bote für Stadt und Land — 25.1890

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Erſcheint tägligd, Sonn⸗ und Feiertags auZgenommen.
Zaniſtags mit Unterhaltungsbeilage. Preis vierteljähnlich
M. 1.20 ohne Träberlohnm 1, Poftauffjhlag. Beſtellungen
bei den Pöſtanſtalten u. bei der Expedition Plöckſtraße 103,



ſür Stadt




RAnzeige-Blatt für jJämmtlihe Bezirke

des bad Unterlandes, Preis pro 1 {palt, Petit⸗

zeile 10 Pfg. bei Wiederholungen Rabatt.
Inſerate finden die weiteſte Verbreitung.



Nr. II.



Beſtellungen

auf den „Pfälzer Bote“ für die Monate

Januar, Februar, März
werden noch fortwährend angenommen bei der Poſt,
den Agenten, den Trägerinnen, ſowie in der Expedi—
tion Buchdruckerei von J. Schweiß, Plöckſtraße
Nr. 103) — Wir bitten in Anbetracht der nahe be—
vorſtehenden Wahlen recht eifrig für möglichſt
große Verbreitung des Heidelberger Parteiorganes
wirken zu wollen.

Deutſches Reich
Berlin, 13. Januar.

— Die Candidatur des Kreuzzeitungs⸗Redaeteurs
Frhen. v. Hammerſtein im Bielefelder Wahl⸗
kreiſe wird immer verworrener und ſenſationeller. Die
Berl. Pol Nachr.“ ſchreiben offieibs, der Katfer Habe
über die Identificirung ſeiner Perſon mit den Ten-
denzen der „Kreuzztg. ſein Mißfallen geaͤußert und
das Halten der „Kreuzztg.“ in den königlichen Schlöf-
jern derhoten; die „Kreuzstg.“ dagegen führt diefe
Maßregel auf eine Intriguẽ zZurüc, wobei der Katfer
Jmählidh belagen worden ſei. Am Freitag war
Dr. Hinzpeter-Bielefeld bein Kaiſer zur Audienz.
Vielleicht darf man nun bald eine authentiſche Auf—
klärung erwarten.

— Die „Germanta“ hringt mehrere intereffante
Artikel über fretmaureriſche Borgänge, welche
die Nebernahnte des Protectorates ſeilens des Priu⸗
zen Leopold betreffen. Aus den mit Documenten
Elegten Ausfuͤhrungen geht hervor, daß unter den
Freimaurern zwei Parteten beſtehen: eine, die fort⸗
während nach einem Allerhöchſten Protectorate in
der Oeffentlichleit agitirt und es Kaifer Wilhelır zu
einem Vorwurfe macht, daß er für die Ehre, ein
Freimaurer zZu werden, kein genügendes Verſtändniß
habe, und eine andere, der ein derartiger Zuſammen⸗
hang mit regierenden Kreiſen uberhaupt unbequem .
ift und die darum auch die Aufnahine des Prinzen
Leopold mit offenem Spotte und ſtarker Herabſetzung
verfolgt. Als das Organ der letzteren daͤrf die
„Bauhütte“ gelten, die u. a. Über den preußijchen
Brinz folgende höhniſche Notiz brachte: „Br.‘. Prinz
Friedrich Leopold, der hiſtoriſch in der Pickelhaubẽ
aufgenommeNne Freimaurer-Ritter, hat das Protec-
torat über den Hunde-Sport-Verein „Hector“ über⸗
nommen.“ Zwar iſt das Blatt dafür durch das
Bundesblatt/Zu den dret Großlogen“ gemaßregelt
worden aber daß ſeine Partet vielen Anhang, na⸗
mentlich in den nichtdeutſchen Logen, findet, ijt eben
zweifellos. Was das Verhältniß Kaifer Wilhelnis I.
— RNtRN N t tN — —



Novelle von H. A, Banning.
Aus dem Holländiſchen überfetzt von L, v. Heemftede,

I6

Alte Denkjfteine und junge MädhdhHen.

Auf der Nende? einem freien Platz in der Stadt Utrecht,
ſteht ein Haus, allgeniein bekannt unter dem Namen „Kintgens
haven“, Wie ein Stein im Giebel andeutet und das Volt er-
Zählt, ift einmal in einer großen Waffersnoth ein Kind in
einem Nachen dort angetrieben, Der Stein iſt fehr alt und
verwittert, doch man erfennt trogdem noch deutlich ein Schiff—
hen daz von den ungeftümen Wogen berſchlungen zu werden
droht. S3 ſtehen auch Bäume ıund Häufer daneben und im
VBordergrunde einige Menfhen, die wahrſcheinlich hinzuͤgefügt
find, um die Theilnahme der Zeitgenoſſen bei dieſem Ereigniß
augszudrücen, Die Aufſchrift lautet: „Rintgenzhaven“. Da

gen, zu welcher Zeit das Waſſer in jenem hohen Theil der
Stadt Utrecht ſo müft gehauſt hat, wie e& auf dem Stein dare
geftellt ift. Ich bin fogar geneigt, zu glauben, daß der Stein,
und mithin auch die Neberfirömung mit der „Neude“ nicht8 zu
id)affe}t hat, BVielleicht ift er mit dieſer oder jener Familie, die
von einem näher am Rhein gelegenen Ort nach Utrecht über-
fiedelte, mit Heriübergefommen, Kurz und gut, wir wollen die

Crzählung nur ſo weit in Bezug ſteht als er das Haus bezeich-
Net, in welches ich den Leſer ſetzt einzuführen wünfche, ;
Man ſchrieh anno 1795,
Sin merkwürdiges Yahr, in Welchem die Gemüther der
fonft {o ruhigen Niederländer ſehr in Bewegung und Anufreg-

9 ruhig und träge waren, daß die Franzojen mit ihrer neuge⸗
fläenen_ Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, mit Sack und
ack mit Pferdenm und Kanonen hindurch ziehen Konnten,

Das hinderte jedoch nicht, daß die Sonne an einem Mon⸗



Heidelberg, Mittwoch, 15. Januar 1890,

zu der Freimaureret betrifft, ſo iſt dafür bezüglich
der Maurer Folgendes bemerkenswerth: 1848 fuchten
ſeine Berliner „Brüder“ u. a, einen Beſchluß herbei—
zuführen, die Büſte ihres Protectors aus dem Saale
zu entfernen, da der Prinz doch gar zu unpopulär
wäre. Die ganze Freimaurerei iſt eine halb gefähr—
liche und haͤlb weichliche Spielerei der liberalen
Bpurgoiſie mit allen ihren Schattenſeiten. Sie hat
ſich vorzugsweiſe dadurch zu erhalten geſucht, daß
ſie ihren Mitgliedern allerei Vortheile zu verſchaffen
ſuchte Namentlich wurde ſie in der Zeit, wo fie
im Beamtenthum viele Mitglieder hatte, als eine
günſtige Anwartſchaft auf gute Beförderung ange⸗
jehen und theilweiſe ſoll das noch der Fall fein—

* Sn Bezug auf das Soeialiſtengeſetz iſt die
Noth groß. Die Poſt! beklagt bitter, daß die Re—
gierung nicht vor der zweiten Leſung den Cartellbrüdern
ſagen will, wie hoch der Stock gehalten werden
Joll, über den fie ſpringen ſollen, und in dieſer Ver⸗
zweiflung geht die / Poſt! ſo mweit, zu drohen: Ddie
Cartellbrüder ſollen ihrerſeits jetzt ſich vereinigen und
der Regierung ſagen, bis hierher und nichtweiterl
Laächerlich. Während die National Zeitung! mit bla—
ſirtem Lächeln ſich von einem Tag in den anderen
hinüberſchwingt, iſt die /Poſt? voller Sorgen. Denn


Wenn die Nationalliberalen nachgeben und für die
Ausweiſung auch in einer abgeſchwächten Jorm, etwa
blos für Agitatoren ftimmen, ſo desavouiren ſie ihre
Haltung in der Commiſſion, und das wird bei den
Wahlen eine vortreffliche Waffe gegen den National—
liberalismus werden! Zu dieſen Nöthen iſt nun auch
noch der Elberfelder Geheimbundsproceß gekommen
mit den dunklen Schlaglichtern, die er auf die Wirkung
des Socialiſtengeſetzes und ſeine Lockſpitzelei wirft.

* Die Nachwehen des Culturkampfes machen
ſich in Preußen noch immer bemerkbar. In Braunsberg
wurde den Katharinerinnen verboten, Töchterſchülerinnen
in Koſt und Logis zu nehmen.! Maz man keinem
Handwerker, keiner Bürgersfrau verwehrt, ſollen dieſe
Schweſtern nicht thun dürfen! — Sicherlich ſteht noch
klar genug im Geſetz daß den Schweſtern die Ueber—
nahme von Waiſenhäuſern geſtattet werden könne und
dennoch wurde denſelben Katharinerinnen die Genehmi—
gung zur Uebernahme der Waiſenanſtalt in Szibben
vom Miniſter verweigert! Es iſt dieſe Thatſache
ein rechter Mahnruf an alle Katholiken, bei der
kommenden Wahl recht, recht vorſichtig und eifrig
zu ſein! Behaͤndelt Herr v. Goßler die Katholiken
und ihre Orden, deren Mitglieder aus den beſten
Familien hervorgegangen ſind, immer noch mit Miß—
trauen, ſo kann unmöglich volles Vertrauen in uns
aufkeimen.

*Ueber die Haltung der Centrumspartei
Schleſiens in dem Wahlkampfe bringt das Central—

immer, ihre Strahlen in die Werkſtätte des Dirk Rynders
warf des damaligen Zunftmeiſters der Schuſtergilde, von den
Ceſellen gewöhnlichVater Dirk“ geheißen, der ſeit Jahr und
Tag in „Kintgenshaven“ ſein ehrſames Handwerk betrieb.

Die Werkſtätte, die aus einem Fenſter auf den Platz und
aus den beiden anderen auf die einmündende Stiege oder Gaſſe
Ausſicht bot, ſah zur Stunde ſehr verlaſſen aus; denn e& war,
wie geſagt, der * Wochentag : die Geſellen hielten „Crispin“
vder blauen Montag in der Kneipe, ein Mißbrauch, der nicht
mit den Gilden abgeſchafft ift und noch hent zu Tage bei
Schuftern und anderen Leuten fortwuchert.

Ein einziger Geſelle, ein tüchtiger Burſch mit klaren blauen
Augen und blonden Locken, jaß, das Schurzfell vorgebunden,
an ſeinem Tiſchchen und arbeitete eifrig an einem Paar netter
Frauenſchuhe von beſonders kleinen Dimenfionen,

Dieſe Schuhe waren für die einzige Tochter des Meiſters
Dirk beftimmt, ein huͤbſches, aber fjehr eoquettes Mädchen von
achtzehn Jahren, mit einem kecken Stumpfanäschen, zwei muth—
willigen Augen und einem Mund, der eine große Dofis Eigen—
ſinn verrieth. Sie ſtand in der Werkftatt am Fenfter, das auf
die „Neude“ Hinausging, und blickte bizweilen zu dem jungen
Manne hinüber, der an ihren Schuhen arbeitete und ihr leb⸗


feine Finger zog.
Leer ſo gib mir doch endlich Gehör Elschen! ſagte der
junge Maun, „du ſcheinſt Heute befonders ſchlecht gelaunt,
Warum ſollte ich nicht von unſerer Hochzeit ſprechen, da ich
nun ein Probeſtuͤck abgelegt habe und es mir wenig Mühe ko⸗—
ſten mird, als Meiſter in die Gilde aufgenommen zu werden?“
Um ihren Mund zeigte ſich ein ſpöttiſches Lächeln und ſie
warf den Kopf herausfordernd in den Nacken.
Nun, weil ich noch keine Luſt habe, eine alte Matrone zu


ſellen aufzupaſſen!, ſagte ſie.

Aber das brauchſt du auch nicht, dır kannſt dir ein
Dienſtmädchen nehmen, Elschen, denn ich hoffe mit Gottes
Hilfe doch wohl im Stande zu fein, als Bürger ehrlich mein
Brod zu verdienen.“

„Smmer das alte Lied: keine Hand rühren, nicht wahr?



25. Jahrgang.

organ der Partei in Schleſien, die „Schleſiſche Volks?
zeitung“, einen längeren Leitartikel! Die Katholiken in
Schleſien ſollten ſich vor vorzeitigen Compromiſſen
hüten. € dürften keine Vereinbarungen mit anderen
Parteien eingegangen werden. Zu ſolchen ſei es Zeit
bei den Stichwahlen, und hier muß unter Berückſichti—
gung des Grundſatzes daß es ſich für das Centrum
darum handelt, die bisherige Cartellmajorität
zu einer Minorität zu machen, für die von einer
Partei vom Centrum beanſpruchte Unterſtützung bei der
Stichwahl als Gegendienſt die Unterſtützung eines in
einem anderen Waͤhlkreiſe zur Stichwahl ſtehenden Cen—
trums Candidaten feitens dieſer auf das Centrum an—
gewieſenen Partei gefordert werden

* Bom Rhein 12. Januar. In Ratibor haben
mit dem proteſtantiſchen Prediger zahlreiche ſtaatliche
Beamten, wohl meiſt Proteſtanten, der feierlichen
Einweihung der neuen Synagoge beigewohnt, während
einige Wochen früher bei der Einweihung einer pro—
teſtantiſchen Kirche in Kattowitz kein Beamter ſich hat
ſehen laſſen. Darüber lamentirt der „Reichsbote“
und trauert, „daß die evangeliſche Kirche ſich nicht in
der Kraft ihres Glaubens erhebt und daß ſie die
Schuld trägt, daß das Volk gleichgültig und gering—
ſchätzig an ihr vorübergeht.“ „Wann wird ſich unſere
evangeliſche Kirche ermannen“, fragt er, „in der
Kraft ihrer Wahrheit, um einzufehen, daß ſie in ihrer
Arbeitsorganiſation weit hinter allen Inſtitutionen
der Zeit zurückgeblieben iſt und deßhalb große Volks⸗
maſſen mit ihrem Einfluß gar nicht mehr erreicht.“

München, 13. Jauuar. Die Ertheilung der
„Sterbeſakramente? an Döllinger durch den „altkath.“
Pfarrer beſtand nur in der Ertheilung der Oelung.
Die officielle Todesanzeige, welche Döllingers Nichten
Jeannette und Eliſabetha Döllinger verſenden, ſagt
ausdrücklich „nach Empfang der heiligen Oelung durch
einen ſanften Tod aus dieſem Leben abzurufen.“ Der
Prinz⸗Regent hat am Sarge Döllingers einen ſehr
ſchönen Kranz niederlegen laſſen

— Brinz Ladwig von Batern, der zukünf—
tige König von Baiern, hat, wie die „Germania“
hört, Hru. Dr. Jörg zu ſeinem 70. Geburtstage
gratulirt.





Ausland.

Paris, II. Januar. Die Regierungsblätter er⸗
klären die Gerüchte, an der ſpaniſchfranzöſtſchen
Grenze hätten ſich Carliſtenbanden mit ſpaniſchen
Republikanern vereinigt, um bei dem Tode des Kö—
nigs in Spanien einzufallen, für erfunden. — Als
der Biſchof von Grenohle erfuhr, daß ſich die Frei—
maurerlogen an dem Leichenbegängniß des an den
Folgen der Grippe geſtorbenen Präfecten Delatte be—
Hheiligten, verbot er dem Pfarrer, bei der Ueberführ—

Aber wenn der Vogel im Netz iſt, dann vergißt der Vogelſteller
das Locken , . als wenn ich es nicht müßtel“

Du beurtheilſt mich falſch, Elschen!“

Nun, mach nur nicht ſolch ein feierlich Geſicht; dır weißt
wohl, daß ich das ſehr langweilig finde; ich denke noch nicht
ans Heirathen, nicht in diejem Jaͤhr und nicht im nächſten, du
mußt erſt lernen, weniger eiferfüchtig zu fein, denn dır weißt,
daß ich das gar nicht ertragen kann.!

Ich bin nicht eiferfüchtig, Elschen!“

Ei was du ſagſt! Als wir geſtern zuſammen aus der
Kirche kamen, warſt du Feuer und Slamme, weil ich den Zun⸗
ker Blienſtein grüßte,“

Hör einmal, Elschen,“ ſagte der junge Mann, waͤhrend
Zornesröthe ſein Angeſicht überzog, „ein ehrſames Mädhchen
darf einen Studenten nicht vextraulich grüßen. Ich weiß wohl,
daß nichts Böſes dabei war, aber ein Fant wie der würde ſich
allerlei in den Kopf ſetzen, und das muß man vermeiden,
Nebrigens , ... der elende Junker mit ſeinen goldenen Spo⸗
ren koͤmmit hier nicht ohne Abſichten täglich ein paar mal vor⸗
bei ... glaubft dır, daß ich keine Augen im Kopfe hHabe 2“

Du darfſt wohl mit etwas mehr Refpekt von Iunker
Bleienſtein reden, Conrad! er iſt einer der beſten Kunden meiz
nes VBaters,“ }

„Der deßhalb einen Freibrief für allerlei Unziemlichkeiten
bekonimen hat“, ſtieß der junge Mann heraus, ohne die Trag⸗
weite ſeiner Worte zu bedenken.

Die Augen des Maͤdchens funkelten vor Zorn und ſie er⸗
widerte Heftig: Das wirſt du mir mir büßen Conrad! So⸗
bald der Zunker hier wieder vorbei kommt, will ich ſeinen
Gruß mit einem Kopfnicken beantworten.“

Das wirſt du wohl bleiben laſſen, Elschen!! meinte ihr
Verlohter

„Sieh’, da reitet er gerade vorbei! rief fie, mit muth-
williger Geberde das Fenfter öffnend. i

Conrad wurde leicheublaß; in dieſem Punkte konnte jer
keinen Scherz ertragen. Sr {prang von ſeiner Bank auf und
begab ſich ans Fenſter.

Gortfetzung folgt.)









































































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