Pfälzer Bote für Stadt und Land — 25.1890

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*





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Rr, 111.

* Die zweijährige Nenſtzeit.

8 Im Reichstage iſt von der Volkspartei mit frei-
* iger _ Unterftügung ein Antrag auf Einführung
Örn Wweijährigen Dienſtzeit für die Infanterie einge⸗

4* worden. Welches Schieffal dieſes Antrages
A 0 * laͤßt ſich heute nicht Bbeftimmen. Es dürfte

* Platze ſein, bei dieſer Gelegenheit auf die
* xbayeriſchen Abgeordnetenkammer durchgeführte
/ über die entfpredende Gingabe des

b Wtratifchen) Volksvereins Welßenburg zurückzu⸗
en. Jene Kammerverhandlung bedeutet einen
ſchi 5 Unbeftreitbaren Erfolg der Bittſteller; obgleich

bolksparteilicher Abgeordneter in der zweiten
en Kammer fibt, wurde die Petttion doch
Mäegierung einftimmig zur Würdigung empfohlen,
v Deit die Abgeordneten mit großer Mehr⸗
aten.

A dn Der Aus{Hußberihterftatter, Abg. Joſ. Waguer
190 dex der Centrumpartei, erläuterte zunächſt die Wünſche
— nach deren Ausführungen es geboten
— die baheriſche Regierung auf eine Herah⸗
nng der Dienſtzeit für die Infanterie und die
im. Bundesrathe hinwirke. Die 3 jährige
18 drücke weniger wegen der Steuerbelaſtung
4 * Belaſtung der einzelnen Familien, welche
14 Üüle für die Kärglig verpflegten Söhne zu leſſtẽn

%gr auf Ddie Schultern der breiten Volksmaſſen.
14 Zuſchuͤffe nur zu 10 Mark pro Jahr und pro

1* Angenommen, ergeben 2 Millionen Mark im
* —— Bayern allein Die dret Jahre dienenden
An ſchaften feien nicht die beſten Elemente der
4 und bei den im dritten Jahre Dienenden
we 2* häufiger, als bei denen der erſten
uſtahre.
fich der Elnjährig-Freiwillige in einem
4 biS zum Offizter hHeranbilden, ſo fet die Aus—
1g a in zmwet SJahren zum Gemeinen ſicher mög-
' Selbft. mit . 6 wöchiger Ausbildungsgeit Hätten
2 14 baheriſchen Soldalen im Jahre 1870 aner⸗
146 geſchlagen.
74 ach der muftergiltig für Suropa geworden,
| ieim Ultt" zwetfahriger Dienfizeit ſchon verſucht.
R Ausführungen gegenüber hat ſich in den Aus⸗
7 ei die Regterung weſentlich darauf be⸗
Har
. 4 Dienſtzeit vorzubringen,
© M
„‚„ii"* %eägcge der Regierung zur Würdigung überwieſen.
7 7 Welſe verſüchten in der Plenarberath⸗










. Z
_entve JR














er en € MNationalliberalen den Antrag, der vom
' ( —
1 * und den Freiſinnigen warm unterfiüßt
2 * u Falle zu bringen Der bayexiſche Land⸗
Hin LO indeß un Die feinfühligen Bedenken der
—**
zes 4 2
* Harte Köpfe.
Rolle- Erzählung aus dem Schwarzwald.
lies! Bon Ostar Höcer.
4 (Pſeudonhm: Hermann Frank,)
1 !
S . Gortfegung,)
ngg?)e hitlam“ Weiſe begleitete Zoſeph zum öftern die Magd⸗
* 8 utter zu Baͤrbele ſchickte und zwar immer zu der
i⸗ Clie antvejend. war. Anfangz Zeigte er große
‚I b rf)ett_unb {tand ſo verlegen vor dem ſchoͤnen Mädchen,
Fod ‚Nie den bunten Rock getragen Hätte. Die Güte
lichkeit Elſes aber halfen ihın ſchnell über ſeine
* W Dinweg, und nadhbem Bärbele dag Bett wieder
* ütte und, ihren keinen Sohn auf dem Schooße
* 8 Fenſter faß, plauderte Joſeph Iuftig und guter
men‚ T und Elſe; natürlich nur von höchſt gleichgültigen
iel 8 * in oft ſchwer genug ankant, da ſein Herz ſich
or 4 4 8 * einem unbelaufchten Geſpräch mit dem
4A Maa Sie Q H ſehnte.
nalt® Ar“ Siebe erfinderifd, . und daß bei Sofeph diejes
22 Y * mge Daen X € { li
44 14 zogen war, leuguete er keinen Augeuplick. Er
CL*" A r Ma f, baß Slie zuweilen ihren Spaziergang, durch das


Dalber Höhe die Mooshitte bhefand, von welcher
D Da {reien Ausblic . auf die entzücende Landf{Haft
fr& unp 4 Dürbele erfuhr er, daß Elie dort gern vers
2. / Aön 1D fonute e8 nicht fehlen, bag SJofeph — natlürlich
f gfo„flr * ‚— eines Tages dort mit Elſe zuſammentraf.
en 24 ſich zwar etwas erſtaunt, weil das Plätzchen
ſchöl 1 463 lag, aber {ie ließ e& doch geſchehen, daß
mi’;rb“}‚pn%ftgu.e o scbein inr . auf Die Bank niederließ und, ihrem
nie ON Sbily EOend, {cheinbar entzüct in das prächtige Land⸗
D — —

1 i (and (Oöne MädchHen hatte aber ein gar ſcharfes Auge,




‘eé“er‚_.hgä heraus, daß dem . praktijd denkenden Jofeph
68 G Cltändnig für Naturjönheiten mangle,

'“ Jönderbar,“ Außerte jie zU ihm, „mwie theil⸗







Geidelberg, Samſtag, 17. Mai 1890.

Das Voll empfindet die Laſt der dreijährigen
Dienſtzeit an feinem eigenen Leibe und dies Gefuͤhl
iſt ſo ſtark, daß die KMammer ſich ihm nicht entziehen
lonute. Sie hat den Ausſchußantrag angenommen
auf die von den Liberalen an die Wand gemalte
Gefahr hin, daß man in alle Welt ſchreiben werde:
feht der baheriſche Landtag hat ſich feierlich für die
zwetjährige Dieuſtzeit audgeſprochen. Wir hoffen,
daß der Antrag der deutſchen Volkspartei im Reichs⸗
tage ein gleich günſtiges Ergebniß erzielen werde.

eutſches Reich

* Berlin, 14. Mai. Im Reichstag fand heute
die erſte Leſung der Militarvorlage ſtatt. Der
Kriegsminiſter, General v. Verdy du Vernots,
führte aus, die Vorlage werde vertraulich in der
Kommiſfion zu beſprechen ſein. Im Allgemeinen ſei
daran feſtzuhälten, daß man mit den Nachbarſtaaten
gleichen Schritt halten müſſe auf dem Gebiete der
nililaͤriſchen Organiſation. Wenn Zeit verloxen werde,
ſo koͤnne man mit einem Schlage nicht alles Verſäumte
nachholen.

Feldmarſchall Graf Noltke betont, wenn auch
von allen auswärtigen Mächten Verſicherungen fried⸗
licher Abſichten vorlägen, ſo entbinde dies doch nicht
von der Nothwendigkeit, für die eigene Sicherheit zu
ſorgen. Es ſei die Behauptung aufgeſtellt worden,
die militäriſchen Vorkehrungen erfolgten nur im In-
tereſſe der Beſitzenden, und die Fürſten ſeien es,
welche Kriege hervorrufen; er meine aber, in gewiſſem
Sinne ſei die ganze Nation eine beſitzende Klaſſe,
denn wer hätte nicht irgend etwas zu verliexen? Die
Fürſten und die Regierungen führten nicht die Kriege






die den Frieden bedrohenden Elemente lägen bei den
Voͤlkern, in den Begehrlichkeiten der vom Schickſal
minder günſtig geſtellten Klaſſen, in den Nationalitäts—
und Raffenbeftrebungen. Hierauz koͤnne ſich der Aus—
bruch eines Krieges ohne den Willen, ja gegen den
Willen der Reglerungen entwickeln. Schwache Re—
gierungen ſeien eine dauernde Kriegsgefahr, nur eine
ſtarke Regierung könne heilſame Reformen durchführen;
wenn der Krieg zum Ausbruch komme, iſt ſeine Dauer,
ſein Ende nicht abzuſehen. Die größten Mächte Curopa’3
feien gerüſtel wie nie zuvor, keine derſelben könne in
kurzer Zeit ſo vollſtändig niedergeworfen werden, um
auf harte Bedingungen Frieden zu ſchließen; und
ſelbſt, wenn dies möglich ſei würde ſich der Beſtegte
wieder aufraffen, um den Kampf zu erneuern. Wo
es ſich um ſolche Dinge handelt, müſſe die Geldfrage
zurücktreten. Denen gegenüber, welche die Geldkräͤfte
gerade für den Krieg wahren wollten, weil der Krieg



nahmalos die Landbewohner an den Zauber vorlibergehen,
welchen Gott in ihrer unmittelbaren Nähe entfaltet, , Der Laͤnd⸗
mann findet an dem leiſe murmelnden Bade, Dder 10 wunder-
bare Märchen erzählt, nur den fitr ihn praktifhen Werth
heraus. Der Bach erſcheint ihm nützlich zum Betrieh von
Nühlen, zum Wäffern der angrenzenden Wiefen, und mit




Forellen, dabei an ein leckeres Mahl denkend. Beim Anblick
der mogenden Kornfelder berechnet er im Stillen, den Srirag


den zur Ehre Sottes ſich neigenden Aehren ſprechen.
blauen Kornblumen, welche Ddem Kinde auZ der Stadt
froͤhliches Jauchzen entlocken, ſchilt er als Unkraut;
majeitätijchen Wälder intereſſirt er ſich uur danıt, wenn eS

ein





25. Jahrgang.

wir keine Ausgaben für militäriſche Zwecke gemacht,
ſo würden die glänzenden finanziellen Verhältniſſe
nicht hindern, den Feind im Lande zu haben. Der
Redner verweiſt in dieſer Beziehung auf die Erfahrungen
zu Anfang des Jahrhunderts. Je beſſer eine Streit⸗
macht organiſirt ſei, je geeigneter ſei ſte für den Krieg
und um ſo mehr ſeien andere Mächte zum Frieden
4 „Alle Regiexungen ſtehen bedeutungsvollen

ebensfragen gegenüber. Ich glaube, daß alle den
Frieden zů erhaͤlten beſtrebt ſind. Es wird ſich fragen,
ob ſte hierzu ſtark genug ſind. Sicherheit können wir
nur bei uns ſelbſt finden.“

Abg. Richter erklärt, neben der militäriſchen
Frage handle es ſich um bürgerliche Fragen. Mehr
Soldaten bedeute weniger Arbeiter. Der Reichstag
könne ſich nicht blos mit der Autorität zweier noch
ſo hervorragender Militärs decken. Die Vorlage gehe
in ihren Forderungen bezüglich der Präſenzſtärke über
alles Bisherige hinaus.

Der Redner bemängelt die Vergleiche mit Frank⸗
reich und Oeſterreich in den Motiven zur Vor—
lage. Rußland fehle in den Motiven. In Frank—
reich ſei mit der Exhöhung der Friedenspräſenz eine
Herabfetzung der Dienſtzeit verbunden. Cr meine,
auch bei uns könne die Erziehung zu den militäriſchen
Tugenden in 2 Jahren erreicht werden. Die Vor—
lage hänge eng mit den ſozialpolitiſchen Fragen zu—
Jammen,

Kriegsminiſter General v. Verdy du Vernois
verlieſt einige Stellen aus ſeinen früheren Reden,
welche beweiſen, daß ein entgiltiger Abſchluß der
militäriſchen Neuformationen und Neuorganiſationen
bei den früheren Vorlagen nicht behauptet worden iſt.
Der Grund, weßhalb die gegenwärtige Forderung nur


Hinderniſſe wegzuräumen, welche einer gedeihlichen
gemeinſchaftlichen Arbeit im Wege ſtünden.

Windthorſt bemerkt, es frage ſich, ob die
neuen militäriſchen Forderungen zur Sicherung des
Reichs nothwendig ſeien und ob wir im Stande ſeien,
dieſelben zu bezahlen. Er beantragt die Verweiſung
der Vorlage an eine beſondere Kommiſſton von 28
Mitgliedern. Eine Reorganiſation der oberſten Reichs⸗
behörden werde nicht viel helfen, im Gegentheil viel
Geld koſten.

Der Redner erklärte, er wolle deshalb von einer
ſolchen Reorganiſation nichts wiſſen. Die Kommiſſion
werde darüber zu berathen haben, ob nicht eine all—
jährliche Feſtſetzung der Friedenspräſenzſtärke erfolgen
ſolle und ob nicht eine Erleichterung der Dienſtzeit
eintreten könne

Kriegsminiſter v. Verdy du Vernpis erklärt.
daß die Verbündeten Regierungen einen Geſetzentwurf
bezüglich der Armeeorganiſation in Vorbereitung haben,



doch als ob ed wie Schuppen von ſeinen Augen fiele, als ob
er jetzt erſt richtig ſehen gelernt Hätte.

Seine Berehrung für Elſe ſteigerte ſich, und als er wenige
Tage ſpäter wieder mit ihr bei der Maoshütte zujammeniraf,
bat er ſte, in ihren Belehrungen fortzufahren. Sie willfahrte
feinem Geſuch gern und kanı nunmehr vor den Wundern, die
Golt in ſeiner Natur entrollt, auf das größte ſeiner Schöpfung⸗
zu ſprechen, auf das menfchlidhe Herz. SImmer mehr näherte
ſie ſich dabei dem religiöſen Gehiet und erweckte in Joleph das
Inſereſſe für Ddie Lehren, welche in dem Buch aller Bücher
niedergelegt ſind.

Um dieſe zu begreifen.“

S äußerte Joſeph ſchüchtern, „ge-
hört indeſſen mehr, als ein ſchlichter Menſchenverſtand {

Wir



urfadhen ihm YNerger, weil jie ür ihn feinen Werth haben,
Bie poefielo3 iſt doch ein foldh Dafein, mie entrüdt c& Dden
Mejdhen der Nähe Gottes, der gerade ın der Natur ſo gewaltig
zu un8 {pPricht.“



das Thal dort unten mit ſeiner reihen Mannigfaltigkeit an
Wieſen und Feldern, an bereinzelten Baumgruppen, den da⸗


band Hindurchjeläugelnden Bach nicht aus,
eines Riefenkindes⸗

die grünc Hügelkette mit Keinen Gehöften, deren fonnenbe-
{dienene Ziegeldächer freundlich heriüüberblinkfen, Darüber Ihürmt


ſchaftsbild unter fich begrenzend, und hinter ihm ragen in
weiter Ferne die Bergriefen, einer Hinter dem andern auf-
{teigend, und endlich Lommt das blaue Gimmel8zelt, der gigan-
tijde Baldachin zwijdhen Zeitlichkeit und Swigkeit.“ S

Eiie {qwieg, aber ihre Blicke hafteten nach wie 0Ir ‚an
dem wuͤndervollen Landſchaftsbilde.

SofephH ffr ſich über die Augen; er verſtand ZWar nicht
alles was das ſchoͤne Maͤdchen geſprochen, aber e& war ihm


„Befiben wir nicht SGotteshäufer, in denen daz Wort der
Bibel gelehHrt wird?“ gab Gije zurücd, „Durh Ddie Predigt
der befchränftelte Menfd die großen Lehren vers
der Bibel niedergekegt find, Wer freilich bent
wird dereiuſt ſf dieſer

die in .
unwiſſend aus


Das war für JofephH ein Stich, der aber ſeine Wirkung
‚ Der Gedanke, daß er in dem SGefühle feines
Herzens und in feinem geiftigen Wiſſen tief unter Elſe ſtehe



$ berührte ihr peinlich. Er wollte ihr beweifen, Daß er NiHt
j unter der Schaar der Unwiſſenden zu bleiben gedenke, und er



nahm fih im Stilen vor, {Hon anı nächften Sonntag damit
den Ynfang zu machen.

Der Feiertag erfgien, Uund
um * Rufe
u folgen, ſagte Sofeph zu IDr :
> „gßemz Dir recht ijt, ſo begleite ich Dich hHeute,“

Smerenz blidte ihren Sohn mit freudigemn Eritaunen an
Antonz Bermunderuug aber erreichte einen ſo hohen Grad, daß
er von feinem Lehuſtuhl auffprang, Joſeph längere Zeit an⸗
flierie und zulebt in die Worte aushrach:

_ „Du willfe in die Kirche gehen? Bricht denn die Erde
zuſammen?“

als die Mitter mieder ZU
der mahnenden Glocke

Fortſezung folgt)


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