Pfälzer Bote für Stadt und Land — 25.1890

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Erſcheint täglig,

M, 1.20 ohue Trägerlohn u. Roftaufjhlag. Beſtellungen
vei den Poſtanſtalten u. bei der Expebition Plöckſtraße 108,



ſir Stadt






Anzeige-Blait für ſämmtliche Bezirte
des bad. Unterlandes, Preis proſpalt Metitz
zeile 10 Pfg. bei Wiederholungen Itabatt,
Snfjerate finden die weiteſte Berbreitung.



Nr. 21



Beſtellungen
auf den „Pfälzer Bote“ für die Monate
Februar und März
werden ſchon jetzt aͤngenommen bei der Poſt,
den Agenten, den Trägerinnen, ſowie in der Expedi⸗
tion Guchdruckerei von J. Schweiß, Plöckſtraße
Nr. 103.) Wir bitten in Anbetracht der nahe be⸗
vorſtehenden Wahlen recht eifrig für möglichſt
große Verbreitung des Heidelberger Parteiorganes

wirken zu wollen.
æ朜œιwqwvv—————— —

Zum neunzehnten Jahrestag der Einnahme
des päyſtlichen Lalaſtes Ouirinal.

Von Theodor Palatinus.
*

Die „römiſche Frage“ wie ſie ver 30 Jahren
Jener nannte, auf deſſen Worte damals ganz Luropa
angſtlich lauſchte, iſt feit dem 23. Mai 1887, an dem
Qeco XII ſeine denkwürdige Allokution uͤber ſein Ver⸗
hältniß zu Italien gehalten in eine neue Phaſe der
(Entwicklung eingetreten. Die /Frankfurter Zeitung“
meinte damals, e3 beginne nun die zweite Periode der
Regierung Leo’s XII.; während die erſte das Werk
der Verfoͤhnung mit Deutſchland zum Abſchluß gebracht
habe, werde die zweite mit einem Programm eröffnet,
welches als den Inhalt dieſer zweiken Periode den
Friedensſchluß mit Jialien bezeichne. Jene Allokution
Qeo’8 XIM. und ſein unmittelbar darauf folgendes
bekanntes Schreiben an den Kardinal⸗Staatsſekretär
Rampolla und deſſen Cireular an die Nuntien in Be⸗
treff der weltlichen Herrſchaft des Papftes haben ſeit
tänger als einem Jahre die roͤmiſche Frage wieder
überall in den Vordergrund geſtellt und hauptſächlich
auch dazu Veranlaſſung gegeben, daß in neueſter Zeit
das allgemeine Bedürfniß des italieniſchen Volkes nach
Ausföhnung mit dem Papſtthum in recht lebendiger
. Weije zum Ausdrucke kam, und daß ſelbſt diejenigen,
welche noch in den ſtebziger Jahren als heftige Gegner
die päpſtlichen Rechtzanſpruͤche bekämpften, heute nun
mit befferer Einſicht von der italieniſchen Regierung
nachdruͤcklich verlangen, daß einem ſolchen anormalen
Franfhaften Zuſtande, in den Italien durch ſeine Papſt⸗
feindſchaft gerathen, durch Ausſoͤhnung mit dem Papſt—
thum ein Ende gemacht werde. Die Diskuſſign, welche
mit den derſchiedenen Löſungsformen der Papſtfrage
in letzter Zeit fich wiederum befaßte, blieb nicht auf
die Tagesilteratur beſchränkt, ſondern führte auch in
wiſſenſchaftlichen Zeitſchriften zu eingehenderen und
tiejeren Erörierungen und es tagt keine Verſammlung
von Katholiken mehr, ohne daß ſie nicht entſchieden

Schön Elschen.
Novele von H. A. Banning.
Aus dem Hollaͤndiſchen überſett von L, v. Heemſtede.

Fortſetzung.

„Magijter Slem hat in der Sonntagzabendpredigt noch ſo
heredr über Zob und ſeine Untermerfung in Gottes Fügung
gefpro‘dyeu”‚ jagte die Mutter, „laßt uns das Wort beher-

igen !”

* Was Zob geh zum Kuckuck mit deinem Zod! — Der
hat gemiß nie mit ſolchen Schutten, wie die Patrioten ſind, zu
thun gehabt !“ rief Kynders, .

Seine Frau faltete vor Erſtaunen und Entrüſtung die
Hände. So hHatte fie ihren Mann noch nie geſehen. Sie be⸗
Friff aber, daß allein Ruhe und Gelaſſenheit von ihrer Seite
einen guten Sinfluß auf ihn haben konnten. .

Darum jagte fie: „Aber wir koͤnnen doch kein Eijen mit
der Hand zerbrechen Bater! Wer weiß, ob nicht noch Alles
eine ganz andere Wendung nimmt? }

„Der Sohn der Wittwe aus unſerer Nachhargaſſe hat hoch
und theuer erklärt, daß cr dabei war, al Conrad ſich mit
feinen Spießgefellen verabredete, dieſen Morgen beim Pflanzen
des FreiheitsbaumesS zugegen zu fein“, Jagte Rynders.

„Aber dır weißt doch auch, Bater”, entgegnete die gute
Frau. „daß unfer Slschen immer von dieſen Evert Janfen be-
%äftigt iſt und man aljo auf ſeine Ausſagen nicht viel geben
ann.“

An dem jungen Mannn ift, foviel ich weiß nichts auszu⸗
jeben,“ fjagte Rynders Icharf, und ich verſichere dir, daß er eher
das SJawort für mein Kind von mir erhalten wird, als ein
joldher ehrverffener Monfieur wie Conrad,“

Diejer Vergleich zwiſchen dem ſchwarzen Evert und dem
guten blondgelockten Conrad lockte zwei große Thränen in
Elschens Augen. S

„Du übereilit dich aber, Vater !“ fuhr die Frau in ihrer
fanften Weifje fort, „wer weiß, ob Conrad nicht Frank ift 9“

„Das märe ein jonderbarer Zufall !“ meinte Rynders.





1




Heidelberg, Sonntag, 26. Januar 1890.

eine Nenderung der Dinge in Rom verlangt und die
Rechte ihres Sberhauptes feierlich proclamirt.

Die „tömiſche Frage? bietet heute den Staats⸗
männern, die ſie im kirchenfeindlichen Sinne Zanax⸗
deli’8 loſen möchten, mehr Schwierigkeiten, als ie.
Insbeſondere iſt es Köniz Humbert, der die Questione
papala“ . nur wie ein drohendes Schwert ſtets über
feinem Haupte ſchweben ſieht, das ihn mit immer
meniger Ruhe und Sicherheit des Gewonnenen lich
freuen laͤßt. Immer unſicherer wird der Stand des
neuen Italiens und ſeines Monarchen, ſeitdem Leo XIII.
in jener Allokution vom 23. Mai 1887 zu den Kar⸗
dinälen geſprochen: „D, könnte doch Unſer Beſtreben,
allen Bölfern den Frieden zu bringen, auch in der von
Uns gewünfchten Weiſe Italien zu gute Fommen, wel—
ches Gott fo eng mit dem römiſchen Papftthum der—
fnüpft hat. Wie Wir ſchon wiederholt erklärt haben,
erftteben Wir lange und eifrig, daß alle Italiener zu
ficherer Ruhe gelangen und jenes unheilpolle Zerwürf⸗
niß mit dem römiſchen Payſtthum befeitigt werde —
aber unter Wahrung der Gerechtigkeit und der Würde
des apoftolijhen Stuhles.“ Mit den freudigſten Ge—
fuͤhlen murde in ganz Jtalien dieſes päpſtliche Friedens⸗
wort aufgenommen, : „Ddurch das“, wie die demokratiſche
„Frankfurter 3Ztg.“ vom 27, Iuli 1887 urtheilte, „ein
marme8 Empfinden für Italien wehte, und längſt be—
grabene Hoffnungen frommer Katholiken wieder lebendig
wurden.? Als nun bald darauf verſchiedene liberale
Stimmen den päpftlichen Worten jener Allokution eine
folche Auslegung gaben, als ob der hl. Vater um den
Preis der Verzichtleiſtung auf jegliche weltliche Herr⸗
ſchaft und insbeſondere auf Rom und den Quirinal
die Verſöhnung zwiſchen dem apoſtoliſchen Stuhle und
der italieniſchen Regierung anſtrebe oder als ob Leo XII
mit dem Beſitz des leoniniſchen Stadttheils Roms ſich
zufrieden gäbe, ſo wurde dieſe „Unfinnige Auslegung”
det päpftlidhen Worte, wie ſie Kardinal-Staats—
fefretär Rampolla bezeichnete, von dieſem in ſeinem
Rundſchreiben uͤber die Sauveränität des Papſtes als
den Abſichten Leo’s XIII. durchaus widerſprechend
zurückgewieſen, „der ja dow“, wie Rampolla ſagt, „in
der klarſten unzweideutigſten Form die mit Füßen ge⸗
tretenen Rechte des hl. Stuhles auf Rom und den
Kirchenſtaat wiederforderte!. Mit vollem Recht nenut
Cardinal Rampolla jene Commeniare, welche die Trag—
weite der vom Papſie geforderten Bedingungen in der
oben erwähnten Weiſe zu vermindern und ihre Wirkung
abzuſchwächen verfuchten, „unjinnige“, weil weder
Leb XIII. noch einer ſeiner Nachfolger auf ein Erbe
derzichten kann was Gottes Vorſehung dem apoſtoliſchen
Stuͤhie als nothwendiges Bollwerk ſeiner Unabhängig—
keit und als hoͤhere Garantie für die volle, freie Aus
übung ſeines höchſten Lehr⸗ und Hirtenamtes zugetheilt
und zur weiteren Vererbung anvertraut hat.

Diejenigen, welche nun auch wiederum in den

Das wäre es auch“, pflichtete die Mutter bei, „aber da⸗
rum ift e8 doch woͤhl möglich. Soll ich einmal Jemanden in
ſeine Wohnnng ſchicken?

Daͤs fehlte noch!“ fuhr Rynders auf, „eS iſt waͤhrlich⸗
als wenn ich um einen Schiviegerſohn verlegen wäre, als wenn
ich meine Tochter einem „Patrioten“ an den Hals werfen
wollte — er würde ſchön damit prahlen, der Lump!”

So’ ging e& eine geraume Weile fort, während Sischen
fortwährend weinte und nun in allem Ernſt ihren Leichtſinn


Das Mädchen trat ein, doch e& wurde zu ihrer Berwunz
derung Ddiejen Morgen kein Kapitel aus der Bibel vorgeleſen
und das Brod ging unberührt vom Tijh; denn Vater Rynz
ders hatte in feiner Unruhe das Wohnzimmer wieder verlaſſen
und Mutter und Tochter waren in der größten Angft, daß es
mit dieſem Tag nicht gut ablaufen würde.

4* ‚begann ſich inzwijchen im Herzen der Stadt eine außer⸗
gewöhnlichẽ Thätigkeit zu entfalten. Man wußte es ſogar
jchon in den Vorftädten, daß auf der „Neude“ ein großer
Freiheitsbaum gepflanzt werden ſollte und Alles ſtrömte zu
dem Blag hin, Gegen 10 Nhr wurde der Baum durch da
MWeißfrauenthor hHereingebracht. Er war mir Stricken und
Bändern geſchmuckt und wurde von einigen Arbeitern getragen.
Mujikanten ſchritten voran und. unter der Menge, Ddie. folgte,
herrſchte ein lautes Treiben. Je näher man der Neude kam,
um {o mehr wuchs die Menge an, um ſo lauter wurde der
Subel, Man jang allerlei Lieder; ſelbſt das Volkslied „Wil-
helm8 von Najfouwe“ wurde nicht vergefjen ‘ — man dachte
gar nicht daran, wie ſehr das Lied im Widerfpruch war mit


fommen, murde der Baum, naddem man ihm erſt eine rothe
Freiheitsmüße aufgeftülpt hatte, in eine dazır bereitete Grube
defeutt und mit donnerndem Hurrah aufgerichtet.

Dann fand ein {jeltfames Schaufpiel ftatt. Man ſah
Menjchen aus den verſchiedenſten Ständen Hand in Hand um
den Baun tanzen. Stämmige, gut gekleidete Bürger neben
Dienfimädchen, Meggerknechten mit Studenten, alle in bunter
eihe; man erzählte fih damals und noch Lange Zeit nachher

— unter



25. Jahrgang.

— — —
jüngften Tagen die Parole ausgegeben haben, der Träger
der Tiara Fönne-vom Vatikan aus ungenirt zur katholiſchen
Welt fprechen, waͤhrend zu gleicher Zeit auch das Hals
Saboyln vom Quivinal aus ſeine Befehle ertheile, ſind
durch Hunderte von Thatſachen, die entweder von der
italienifſchen Regierung ſelbſt oder vom italieniſchen
Poͤbel ausgegaugen, ebenſo oft in ihren Illuſionen
widerlegt worden. Diejenigen, welche ſo denken und
ſprechen laſſen vor Allem aber auch ein weiteres her⸗
vorraͤgendes Moment bei dieſer verſuchten Löſung der
„römiſchen Frage“ gänzlich außer Acht, und da es bei
all dem, was feit Anfang der ſiebziger Jahre über
dieſen Gegenſtand geſchrieben wurde, faſt gänzlich un—
berückſichtigt blieb, ſo möchten wir im Folgenden die
Aufmerkſamkeit der Leſer darauf zu lenken ſuchen. Wir
meinen hier die ſogenannte D uirinalfrage, Wir
ſchließen uns in unſerer Ueberzeugung Denen an, welche
daͤfür halten, daß die Löſung der Quirinalfrage für
die Rehelung der Papſtfrage die Baſis bilden müſſe
Die Kriegsereigniſſe im Jahre 1871 bedeckten für uns
die traurigen Vorgänge in Italien zu jener Zeit mit
einem mehr oder minder dichten Schleier; unſer Auge
war in jenen Tagen mehr nach Weſten als über die
Alpen gerichtet, und ſo kam es, daß wir den Raubzug
der italieniſchen Regierung in jener Zeit nicht auf all
den Schleichwegen im Einzelnen verfolgten und deßhalb
auch manch bedeutungsvolle Thatſache aus dem Auge
verloren, welche die Schandthaten Viklor Emanuels bei
der Beraubung des Statthalters Chriſti begleiteten.
Eine von dieſen Thatſachen iſt die gewaltſame Ein—
nahme des Qnirinals Der neunzehnte Jahrestag des
Giuzugs des Hauſes Savoyen in Rom und deſſen Be—
ſitzergreifung von dieſem päpſtlichen Palaſte
23. Januar — bietet uns Veranlaſſung, unſeren Leſeru
von der Quirinalfrage in nachſtehenden kurzen Feder⸗
ſtrichen ein Bild zu zeichnen.

Zeutſches Reich.
Berlin, 24. Januar.

Berlin, 23. Jan. Der Großherzog von Ba—
den empfing heute Vormittag die Söhne des Frei—
herrn zu Franckenſtein.

— Abg. Windthorſt veröffentlicht folgende
Dankſagung:

Bu meinem Gehurtstage ſind mir wieder ſo
viele Telegramme, Briefe, Blumenſpenden und an—
dere Beweiſe der Theilnahme von allen Seiten zuge—
gangen, daß es mir bei dem Drang meiner Jonftigen
Obliegenheiten zu meinem Bedauern unmöglich ift,
für jeden einzelnen Glückwunſch insheſondere zu dan—
ken. Ich bitte deßhalb, auch in dieſem Jahre meinen
ſo herzlichen als berbindlichen Dank hierdurch öffent⸗
lich und Allen zugleich abſtatten zu dürfen.

Beſonderen Dank ſtatte ich Denen ab, welch

der tanzenden Menge befand. Auch auf dem ganzen Plas ſah
man foiche tanzende Gruppen, Ohrzerreißend war der Yubel,
der dabei emporftieg, als wenn man bis jetzt in ſchrecklicher
Sclaperei geſchniachtet und ehen erſt die Feſfeln abgeſchüttelt
und die Freiheit errungen hätte, In Erwartung der Freiheit
ſchien ınan vorläufig die Gleichheit und Bruͤderlichkeit zur
Wahrheit maͤchen zu wollen. Der Ruf: Es leben die Fran-
zojen!“ die al8 Srlöfer begrüßt wurden, iieß ſich unaufhörlich
vernehmen, Man dachte nicht daran, wie bald Holand ſeine
Unabhängigkeit verlieren und Fraͤntreich einverleibt werden
würde; wie dag VBaterland unter den ehernen Krallen des cor-
ſiſchen Löwen bluten würde; man konnte nicht mwiffen, daß die
Franzofjen, die man ietzt verherrlichte, im November des Jah⸗
re8 1818 nach der ſchrecklichen Plünderung und dem Blutbade
von Woerden, auf dem nämlichen Plag nebſt andern Koſtbar⸗
keiten auch die Ringe verſpiclen und derwuͤrfeln mürden, die
jebt noch an den Fingern der verftümmelten Opfer prangten.
_ In einzelnen Häufern hatte man die Vorhänge niederge⸗
Jaffen ; da wohnten natürlich Orangefreunde, An den meiften
Fenſtern jedoch zeigten ſich zablreiche Zujdhauer — man darf
nicht vergeſſen daß die ieerhen mit dem alten Regime
nicht gering mar. Bater Kynder3 aber hatte Wort gehalten:
jein Haus war geſchloffen, als wenn ein Todter darin Läge,
Govert, den wir im „Crispin“ kennen lernten nahın na
türlich an der Fejtfreude Theil und zwar in hohem Maße. Er
gehörte zu denen, die den Freiheitabaum in die Stadt gebracht
hatten. Sr tanzte unaufhörlih in den verſchiedenen Kreiſen
mit, einmal zwiſchen Fiſchweibern! denn wieder an der Hand
anjehnlidher Bürger mit gepuderten Häuptern. Er hatte ſich
jchon oft und von allen Seiten nach Conrad umgeſehen, ihn
jedoch nirgendE gefunden. Endlich gewahrte er ihn zwiſchen
;ir}ig_gn Jhmweigenden Zufchauern, Mit zwei Sprüngen war er
et ihm.
Biſt du da, Conrad!“ rief er, „ich habe dich ſchon Iange
vergebens gefucht. Komm’, num einen Rundtanz gemacht um
den Banın und dann ſpäter noch einen mit dem Trüppchen da
vor Kintgenshaven.“



Fortſetzung folgt.)


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