Dehio, Georg
Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler (Band 3): Süddeutschland — Berlin, 1908

Seite: 316
Zitierlink: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/dehio1908bd3/0327
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen Nutzung / Bestellung
0.5
1 cm
facsimile
Neu

— 316 —

Ncr

NENNINGEN. W. Donaukr. OA Geislingen.
Dorf-K. Sprom. Chor-T. — In der Friedhofs-Kap. schöne Pietä
von Güniner 1774.

NERESHEIM. W. Jagstkr. OAmtsstadt. [D.]
Benedikt. Klst.-K. Gegr. 1095. Die ma. K- war schon im 17. Jh.
umgebaut. Ein völliger Neubau beg. 1745 von Balthasar Neu-
mann, nach dessen Tode (1753) fortgesetzt von Widemunn von
Donauwörth und Keller von Gmünd, voll, erst 1792. Neumanns
Plan wurde zwar im großen nicht verändert, im einzelnen aber
wurde viel gespart. Die Mittelkuppel und selbst die sie tragenden
Säulen aus Holz; die Schmuckformen vereinfacht und vernüchtert;
kleine magere Louis XVI.-Altäre statt des von Neumann ge-
wollten kolossalischen Ausstattungspomps; von der farbigen Deko-
ration nur die Deckengemälde (von Knoller und Schöpf 1771
bis 1775), alles übrige in hartem Weiß. So ist Neumanns Ge-
danke gleichsam in Knechtsgestalt in die Wirklichkeit getreten.
Und doch wirkt der Bau noch immer erschütternd großartig. Die
Barockarchitektur, nicht nur Deutschlands, sondern Europas, hat
weniges, was sich mit ihm messen kann. Der Vater des Barock,
Michelangelo, hat in Neumann einen kongenialen Enkel gefunden,
ebenso in der Größe der Konzeption wie in der Nichtachtung der
gewohnten Harmoniegesetze. Die Anlage ist nicht mehrschiffig,
wie es Schöntal und Vierzehnheiligen gewesen waren, sondern ein
ungeteilter Langbau, der auf der Mitte von einem kurzen Quer-
schiff durchschnitten wird (lichte Maße: Lhs. 83 m 1., 21 br.; Qhs.
35,5 m 1.; Vierungskuppel 21-23 m). Das ganz Eigentümliche liegt
in der Verbindung einheitlicher Raumbildung mit einem grandios
bewegten Rhythmus der Wandarchitektur. Der Konstruktions-
gedanke, dem Gewölbe als Widerlager einwärts gezogene Strebe-
pfeiler zuzugesellen, ist so alt als die Barockarchitektur; hier aber
erscheint er in völlig origineller Umbildung. Die Pfeiler sind
nämlich von der Wand abgerückt, wenn auch nur mit geringem
Abstand, alsdann aber mit ihr sowohl als unter sich durch Bögen
verbunden. So entsteht ein 3teiliger Aufbau: hohe, mit Balkons
abgeschlossene Sockel; Hauptgeschoß von gegliederten Pfeilern;
Attika mit den Gewölbegurten verschmolzen. Mit keinen Worten
ist deutlich zu machen, welche rhythmische Wucht und welcher
Reichtum der perspektivischen Bilder damit erreicht ist. (Schöne
Zeichnung im Atlas des württbg. Inv.) Die Decke besteht nach
Neumanns Gewohnheit aus einer Folge ovaler Flachkuppeln, die
beiden ersten und beiden letzten quer, die große mittlere längs
gerichtet; ebenso echt neumannisch ist die Unruhe der durch die
eigentümliche Führung der Gurten erzeugten Linien. — Für die
Fassade hatte Nenmann genaue Angaben kaum hinterlassen; sie
loading ...